Gastbeitrag: Ein Blick auf die niederländische Volksseele

Angeregt durch die Kommentare in meinem letzten Essay hat sich unser Leser Antonio berufen gefühlt, einen fantastischen Artikel über die niederländische Mentalität zu schreiben, den ich Euch unmöglich vorenthalten kann. Vielen, vielen Dank dafür! Björn wird sich freuen…

 

Calvinismus, Kolonialmacht, Sturmfluten und Handel – wie sie das heutige Holland formten und woher der aktuelle Paradigmenwechsel, neben der Tagespolitik seinen Nährboden bezieht.

Wer von Euch hat sich denn da drüben nicht benommen?

Diese Frage habe ich nun schon häufiger hier im „Kein Wietpas“-Blog gelesen. Und ich kann sie gut verstehen. In den Straßen um die Coffeeshops in Maastricht war es immer recht ruhig – außer einer Warteschlange, seitdem jeder Ausweis erst einmal eingescannt werden musste, gab es einfach keine Belästigung, zumindest nichts, was wir darunter verstehen würden. Und ich war sowohl schon um 10 Uhr morgens – wie um 23:30 dort. In Amsterdam mag es anders sein, aber Großstädte sind einfach Großstädte und daher kam ja auch nicht die Aufregung um die „Overlast“ – sie kam zuerst im provinziellen Süden auf. Und zwar noch vor Maastricht in den, viel kleineren, umliegenden Gemeinden wie Vaals (die schon Anfang der 2000er Jahre alles was irgendwie mit Drogen zu tun hat abgeschafft haben, dort darf man heute – wie in den USA – nicht mal mehr offen Alkohol auf der Straße trinken) und aus Kerkrade, das schon zwischen 2005 und 2007 die zig illegalen Shops so dermaßen platt gemacht hat (Drugspanden schrappen) das teilweise gar die Häuser abgerissen – ja ihr hört richtig – wurden, in denen Weed illegal verkauft wurde. Ein legaler Shop durfte bleiben – davor gab es 60 Illegale. Beide Orte sind gleich an der Grenze zu Aachen/Vaals und Herzogenrath/Kerkrade – die berühmte Niewstraat/Neustraße – eine Seite Deutsch/eine niederländisch gelegen).

Oft wurde hier ja schon die Ignoranz bezüglich der niederländischen Sprache geäußert, das stößt auch ganz übel auf – aber hauptsächlich bezüglich uns Deutschen. Das sind die alten Ressentiments der Niederländer seit dem zweiten Weltkrieg, wo wir Deutschen sie ja in ein paar Tagen besiegt und dann über Jahre gedemütigt haben (wie halb Europa auch – aber die Holländer nehmen uns das, neben den Engländern, am übelsten von allen Völkern der Welt – da sind sie nachtragend – natürlich ist Israel da noch zu nennen, aber das steht auf einem völlig anderen Blatt und liegt auch nicht in Europa, daher nehme ich das hier völlig aus). Ein Belgier hat in einem Maastrichter Coffeeshop kein Problem damit sein Weed auf Französisch zu bestellen. Aber ein Deutscher, der dasselbe auf Deutsch macht, bekommt je nach Shop nicht 5, sondern nur 4,8 gr. und eine Antwort bzgl. Restgeld oder was er sonst noch will in höflichem, perfektem English (schön distanziert). Bestellt derselbe Deutsche in geradebrechtem Nederlands seine 5 Gramm („fijf grammetjes amnesia, alstublieft“), bekommt er eine freundliche Antwort in gutem Deutsch und locker 5,2 Gramm- von derselben Person. Habe ich mehrfach erlebt (hatte ja auch meine Anfängerfehler) – sie wollen von uns einfach nur Respekt.

Und dieser Respekt (und damit auch die Vermeidung von „Overlast-Diskussionen“) fängt bei einem aufgeklärtem, intelligenten und kulturinteressiertem Touristen an. So wie es ja auch sonst sanften Tourismus gibt. Die Mallorciner hassen sicher auch die Touristen, aber die sind eben weit mehr darauf angewiesen als die Holländer. Zudem haben sie eine völlig andere (traditionell katholische) Kultur.

Die Niederländer sind aber (wie große Teile der USA) Calvinisten. Da ist der Lebensweg vorbezeichnet:

  • sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet (nicht wegen seiner eigenen Güte)
  • sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (nicht durch gute Werke)

Ich übersetze das mal sehr frei und setze es in heutigen Kontext:

Der, dem durch Gott ein gutes Schicksal zugewiesen wurde, ist per se gut – egal was er macht.

Hast Du Wohneigentum, ein gutes Gehalt und bist ein anerkannter Bürger, dann ist das Gottes Wille. Die Versager, die Penner auf den Straßen, haben es nicht anders verdient – es war so für sie vorgesehen. Das haben die Niederlande mit den USA gemeinsam. Daher ist deren Wohnungsmarkt auch unter aller Sau und als Mieter bist du da echt ne Nullnummer (die Mehrheit hat Wohneigentum – Miete ist dort ein Randphänomen – daher auch schwer dorthin auszuwandern). Nicht kreditwürdig = nicht von Gott gewollt. Natürlich sind auch die Niederlande ein säkularer Staat und es gibt wenige, denen der Ursprung ihrer natürlichen Geisteshaltung so bewusst wäre – aber er ist da und man bekommt ihn im Alltagsleben zu spüren. Heißt nichts anderes als (zugespitzt): „Wer am Boden liegt, auf den darf mein eintreten, denn es ist sein vorbestimmtes Schicksal. Das macht einen asozialen Faktor in der niederländischen Mentalität aus – es gibt auch in ganz Europa nirgends weniger Auffangstellen für Obdachlose als in Amsterdam – das zur Verifikation dieser Aussage. Plakativer: „Never get lost in Netherland without a valid creditcard!“

Die Toleranz hat eine Bedingung. Wer auch am nächsten Tag noch dabei helfen kann, den Deich zu befestigen, der kann in seinem Leben machen, was er will (z.B. kiffen) aber er sollte eben auch noch in der Lage sein, für die Gemeinschaft nützlich zu sein.

Ist das nicht der Fall (kommt er nicht zur Befestigung des Deiches wenn man ihn braucht – übertragen gesehen wenn ihn die Gesellschaft als Arbeitskraft braucht), will ich nicht in dessen Haut stecken, dem werden nämlich dann alle Rechte aberkannt – und das sehr rigoros – viel rigoroser als hier. Vor dem Hintergrund der, für große Teile der für die Niederlanden lebensbedrohlichen Sturmflutkatastrophen ist das sehr verständlich. Da wurden alle Hände gebraucht – und wer nicht mitmachte, der war zum einen verantwortungslos und verzichtbar und zum anderen so gut wie ein Mörder. Also, wer leistungsfähig ist, kann ruhig kiffen – die anderen sind Abschaum/zu nichts zu gebrauchen (da wird das Hoes-Zitat unterfüttert).

Die Niederlande sind eine wahre Volksgemeinschaft in der Rechte zugestanden und Sicherheiten und Freiheiten gewährt werden – nicht so wie hier – wo das alles oft nur noch bürokratische Prozesse sind und niemand mehr patriotisch ist außer beim Fähnchen aufhängen bei der Fußball-WM.

Hilfe – bei Arbeitslosigkeit viel besser als hier 90% vom letzen Gehalt (Zitate zu Hartz IV: „ Kümmert sich Euer Staat denn gar nicht um Euch?“ „Armut wie bei Euch gibt es hier nicht“), Toleranz, aber zum großen Teil auch Pflicht und Druck, die die Vorrausetzung für zugestandene Freiheit/Toleranz sind. Keine Hilfe, keine Freiheit ohne eigene Bemühung und Nutzen/Arbeit für die Gemeinschaft. Vaals z.B. hat es sogar geschafft, den Zuzug von ausländischen Arbeitslosen zu verhindern und gegen den Zuzug von deutschen Studenten (nun wo in Aachen der Wohnraum wg. G8/G9 in einem Abschluss Jahrgang knapp wird und dort Wohnraum für die Studentenschwemme geschaffen werden soll, opponiert die dortige CDA auch dagegen). Eine Parallelgesellschaft wie hier bei großen Teilen der Muslime, wird dort viel weniger geduldet als hier. Ebenso wenig Faulheit auf Kosten der Allgemeinheit. Und das war immer schon so. Das ist nicht neu – nur nun tritt es sichtbarer zutage. Wer denkt er könne ohne min. 1500€ zur freien Verfügung in den Niederlanden leben, sollte das auswandern dorthin gleich völlig begraben. Zudem braucht es Wohneigentum – wenn man kreditwürdig ist und Wohneigentum hat gibt es überall „de Hypotheeker“ der einem dann (wie in den USA) Kredite auf sein Wohneigentum gibt, so dass man den Alltag bewältigen kann – wer das nicht hat ist ein Underdog.

Nicht Integration ist da angesagt, Assimilation ist gefragt. Die Niederlande sind eine große Kolonialmacht, ohne je dafür kritisiert worden zu sein oder ähnliche Schuldgefühle mit sich zu tragen, wie sie uns über die letzten 60 Jahre eingeimpft wurden – wobei Deutschland weit weniger Kolonien hatte. Trotzdem hieß es im Kaiserreich (unter Wilhelm II – übrigens ist die ehemalige deutsche und die aktuelle niederländische Monarchie durchaus durch Blutbande verbunden, sowie auch die englische dazugehört) „Am deutschen Wesen, soll die Welt genesen“. Eine Zäsur wie wir und ein zerrüttetes Selbstbewusstsein wie wir, haben die Niederländer nie erlebt (seit 1945 waren sie ja nur arme Opfer) – und daher auch nicht umdenken müssen. Daher ist das (denn damals haben sie auch nicht anders gedacht als sie Suriname (immer noch in Holland so genannt) und große Teile Afrikas, Asiens und eben Südamerikas unterwarfen und kolonialisierten (gemeinsam mit den Spaniern und Engländern) dort halt niemals so hinterfragt worden wie unsere autoritären Großmachtsphantasien.

Dass sie diese Länder durch Handel ausbeuteten versteht sich von selbst. Buße dafür ist der niederländischen Volksseele aber fremd – wie Calvin schon sagt: Es ist alles vorherbestimmt. Der Gewinner hat es verdient Gewinner zu sein. Für den Verlierer war nichts anderes vorgesehen. Daher kommt die Härte und die Ignoranz, die ich sowohl an den US-Amerikanern wie auch an den Niederländern verabscheue – wobei natürlich dann daraus auch der „American-Dream“ reslutierte: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – das ist in Holland auch so. Aber wehe dem, der kein Glück dabei hatte… Calvinismus ist eine angelsächsische und eine schweizer Sache – komischerweise die Völker die als Erfolgsmodell für den Kapitalismus, sowie für die Freiheit des Individuums stehen. Holland kommt da als Randgebiet noch dazu.

Wir Touristen benehmen uns oft schlecht, ohne das es uns überhaupt auffällt. Das fängt mit den niedrigen Fenster und dem „Durchwohnen“ wie es eine Architektin (Ex-Freundin von mir) mal nannte an. Die klassisch-niederländische Architektur ist nämlich das sichtbarste Zeichen des Calvinismus: Jeder kann sehen, was für ein gottgefälliges und tugendhaftes Leben ich führe. Daher kann jeder vom Wohnzimmer bis zur Terasse in mein Haus sehen. Wie schon in einem Kommentar erwähnt, war diese Haltung auch vom niederländischen Staat gewünscht, denn bis in die 60er Jahre gab es eine „Gardinensteuer“ (also eine „Strafabgabe, wenn man seine Fenster verhüllte – das lässt tief blicken).

Die Kehrseite dieser Medaille ist es aber, das kein Niederländer beim Vorbeigehen interessiert (wie die Touristen) in solche Privathäuser hineinsehen würde. Das wird ignoriert, das gehört sich nicht – zeugt von schlechter Kinderstube. Das sind Feinheiten. Aber auch das führt zu einer gefühlten „Overlast“. Ich hab mich schon oft für meine Landsleute fremdgeschämt, die sich da verhielten wie in einem Freiluftmuseum, nur weil sie nichts von der Kultur wussten und sie eh nur der nächste Joint interessiert hat – und halt die Wohnungseinrichtung der Leute an dessen Häusern sie auf dem Weg vorbeikamen. Der Punkt ist: Man kann reinsehen – aber man tut es nicht! Da schon fängt die Belästigung an.

Wir fahren zwar nicht nach Myanmar ins tiefste Asien mit einer völlig fremden Kultur, aber nur weil uns die Niederlande auf den ersten Blick so ähnlich scheinen – und auch in vielem sind, liegt die Gefahr darin, ignorant zu sein und die Feinheiten der unterschiedlichen Geschichte und Wurzeln der Kultur überhaupt nicht zu beachten. Das trägt nicht zu einem guten Verhältnis bei – und die Holländer sind da (hinter der geschäftsmännisch-grinsenden Fassade) sehr feinfühlig. Und die subtile Ablehnung bekommt man früher oder später zu spüren. Direkt oder meist eher indirekt – siehe 4,8 Gramm statt 5 und die englische Antwort obwohl sie Deutsch können.

Ich habe mir auch immer gewünscht, dass es anders wäre und Ausländern verzeiht man ja auch eigentlich Fehler aus Unkenntnis. Bei uns Deutschen sieht das aber dort leider anders aus (Ausnahmen bestätigen die Regel). Allerdings wird nach dieser Ausführung der „Abschaum-Ausspruch“ von Hoes evtl. erklärbar und in einen Hintergrund gesetzt. Allerdings natürlich niemals entschuldigt. Ich will hiermit keine Partei ergreifen oder irgend etwas gutheißen – weder die niederländischen Ressentiments – egal woher sie kommen – noch unser Benehmen dort – ich wollte nur Dinge erklären, die vermutlich selbst vielen Niederländern so gar nicht bewusst sind, aber tief in der Volksseele diese Landes und der Menschen dort schlummern, und die die rechten Parteien dort nur deshalb so zu Tage fördern können, weil sie eben tief verborgen schon immer da waren.

Wären alle so behutsam damit umgegangen und hätten sich zuvor informiert, hätten „Drogentouristen“ nie so sehr als Wahlkampfinstrument funktioniert um widerliche Interessen durchzusetzen. Aber die Ressentiments im Volk waren und sind da – sonst hätte man sie nicht so erfolgreich instrumentalisieren können.

Edit: (bearbeitet von Antonio Peri) – dieser Artikel wurde von einem anderen Blogger ins Niederländische übersetzt: http://www.amolsch.com/?p=101#more-101

mobo

Enttäuscht von der fehlenden Berichterstattung in den Mainstream-Medien über den Wietpas-Wahnsinn entschloss Stefan alias mobo sich, sein eigenes Ding zu machen und rief "Kein Wietpas!" ins Leben. Er hält Coffeeshops für ein schützenswertes Kulturgut. Hier kann man frei von Paranoia und der Angst vor Strafe in einem friedlichen Ambiente seinen Alltag vergessen. In seinem Privatblog mobos-welt.de bloggt er über das, was ihn bewegt. So ist auch die Idee zu "Kein Wietpas!" entstanden. Seit 2014 betreibt er den Onlineshop dabbing.de

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  • Sebastian

    Hi
    erstmal Danke für diese Informationen, da gibts jetzt viel Stoff zum nachdenken und fühlen.

  • Eine interessante Betrachtungsweise.
    Zu der Sache mit der Sprache kann ich eigentlich nur aus eigener Erfahrung sprechen aber wenn man sich da wenigstens Mühe gibt, dann kommt man eigentlich meist viel weiter.
    Das ist für mich auch ein Zeichen von Respekt. Die Niederlande sind uns zwar teilweise schon ähnlich und wesentlich kleiner als wir aber eben keine deutsche Kolonie. Viele Deutsche benehmen sich da so als wäre es selbstverständlich, dass die Niederländer mit uns deutsch sprechen. Das kommt eben arrogant rüber. Wer es aber versucht der hat schon was gewonnen. Es muss ja nicht perfekt sein, die sprechen auch kein perfektes Deutsch. Ok ich hab die Sprache aufgrund des Studiums einfach gelernt aber wer z.B. wirklich nur ab und zu mal zum Shoppen da hin fährt, wäre mit ein paar einfachen Sätzen schon gut aufgestellt.
    „vijf grammetjes amnesia, alstublieft“ und vieleicht noch ein paar Alternativen kriegt ja wohl jeder hin.
    Das ist ja wirklich nicht zu viel verlangt.

  • doctordude

    Laut Wikipedia ist die Gardinensteuer eine „moderne Sage“. Und auch wenn der Artikel sonst gut geschreiben ist, sehe ich den Zusammenhang zwischen Wietpas und Calvinismus immer noch nicht. Die stark calvinistisch geprägten USA führen gerade auf weiter Front Medical Marijuana ein, da scheint also nicht wirklich ein Konflikt zu bestehen

    Meine Meinung: Die Niederländer haben ganz pragmatisch versucht, mit dem Wietpas 2 ganz unreligiöse Probleme zu lösen: 1.) Den politischen Druck aus den Nachbarländern 2.) die Verstimmung der eigenen Bevölkerung über die, durchaus vorhandenen, Belästigungen durch den Drogentourismus. Beide Probleme liegen aber nun mal nicht in NL oder im Calvinismus begründet sondern u.a. bei uns. Um aus dem ACD Forum zu zitieren: „We are our own worst enemies“.

    Und was die Sprache angeht ist aus meiner Erfahrung als Tourist / Geschäftsreisender nicht wirklich Niederländisch notwendig, ausser vielleicht „Ik sprek niet nederlands“ oder so. Ich komme mit English sehr gut zurecht und die Niederländer sind meist auch so freundlich in meiner Gegenwart bei Englisch zu bleiben, auch wenn ich gerade nicht aktiv am Gespräch teilnehme.

    • Marcel

      Die moderne Sage kann ich nur bestätigen. Eine Zeit lang wurde die Grundsteuer in NL anhand der Größe der Fenster berrechnet. Diese Steuer hiess im Volksmund „Gardinensteuer“. Was wir deutschen daraus gemacht haben, wissen wir ja^^

  • Anonymous

    JA die Gardinensteuer ist und WAR ein Märchen. Stimmt nicht? schaut in der Botschaft vom Königreich der Niederlande nach.

    Danke für dein Beitrag, jetzt kann ich endlich einiges beim Namen nennen.

  • Bezüglich der Gardinensteuer muß ich mich korrigieren – ich habe recherchiert und es stimmt – aber ich bin eben 1976 geboren – und habe die Niederlande daher in den 60ern persönlich nicht gekannt – bin aber mit dieser „Urban-Legend“ aufgewachsen – es ist aber auch egal, ob es die Gardinensteuer wirklich gab. Diese urbane Legende ist ja nicht umsonst entstanden. Fakt ist, dass es Realität ist, was ich zum Sinn und zur Herkunft der klassisch niederländischen Architektur und zum Verhalten bzgl. in die Häuser schauen schrieb. Das bleibt wahr – egal ob es die Gardinensteuer nicht gab. Trotzdem entschuldige ich mich, wenn ich da dieser Legende mein Leben lang aufgesessen bin – an meiner Darstellung des gewünschten Verhaltens dort, ändert das aber nichts – und damit auch nicht an der Richtigkeit der Kernaussage.

    Ich habe in diesem Artikel ganz bewusst das Thema „Druck von Außen – zum Beispiel aus Deutschland) ausgeklammert, das gehörte nicht zur Thematik und hätte den Rahmen gesprengt. Ich kenne auch noch andere Hintergründe für den aktuellen Wechsel der Drogenpolitik dort, und halte diese sogar für weitaus wichtigere „harte Fakten“ dazu. Ich wollte aber einfach darstellen, warum es möglich war, die niederländischen Wähler mit teils vorgeschoben Argumenten zu den Wahlentscheidungen zu bewegen, die sie in den vergangen Jahren (leider) getroffen haben.

    Bitte mißversteht mich nicht – ich halte das nicht für den Hauptgrund oder denke, daß wir durch vorsichtigeres Verhalten etwas daran hätten ändern können. Ich wollte halt nur einen kleinen Einblick (und das eben auch als Ausländer, der nicht dort, sondern nur direkt an der Grenze aufgewachsen ist) geben, der vielleicht etwas besser ist, als der von jemandem, der nur ein paar Mal im Jahr dorthin fährt. Ich habe keinen Anspruch auf Perfektion oder Unfehlbarkeit.

    Ich hoffe trotzdem damit ein realistisches Bild aufgezeigt zu haben.

    • doctordude

      „ich halte das nicht für den Hauptgrund oder denke, daß wir durch vorsichtigeres Verhalten etwas daran hätten ändern können.“

      Das sehe ich ein wenig anders. Wo mobo „Intoleranz“ sieht, sehe ich es als ein Zeichen der niederländischen Toleranz, dass Sie auf UNSEREN Wunsch hin bereit sind, Ihre ganz gut funktionierende Drogenpolitik zu ändern.

      Du siehst „Ressentiments“. Ich sehe, dass WIR uns heute in den Niederlanden regelmässig daneben benehmen und dazu neigen ein sehr interessantes Land und insbesondere dessen Hauptstadt auf „Coffeeshops und Rotlichtdistrikt“ zu reduzieren.

      Du siehst in den Niederlanden „rechte Parteien“ am Werk. Ich denke, es wird auf eine grosse Koalition der Mitte hinausläufen, wärend WIR eine rechtsliberal-rechts-ganz rechts-Koalition haben.

      Und der „Abschaum“ Spruch vom Bürgermeister aus Maastricht war sicherlich unglücklich formuliert, liegt aber nicht so weit weg von der Wahrheit. Oder wie nennst Du jemanden, der aus dem Coffeeshop kommt, 10m zu Parkplatz geht und da in’s Gebüsch pisst? „Abschaum“ ist da nicht aus der Luft gegriffen.
      Da der Spruch ja dem Vergleich mit Amsterdam galt, muss ich persönlich mich auch wieder an die eigene Nase fassen und gestehen: ICH habe noch nie in Venlo für eine Übernachtung bezahlt! ICH habe in Venlo noch nie Eintritt in ein Museum oder eine sonstige Sehenswürdigkeit bezahlt! Das steht im Gegensatz zu Amsterdam, wo beides häufig der Fall war.

      Wenn ich meine holländischen Freunde treffe, werde ich nicht fragen „Was habt IHR denn da für einen Unfug mit dem Wietpas gemacht?“. Ich werde mich höflich dafür entschuldigen, dass WIR mit unserem Verhalten an der Wahlurne und als Besucher dazu beigetragen haben, dass die Niederländer sich mit einem unsinnigen und völlig unausgegorenen Gesetz herumschlagen müssen.

      Hört also bitte auf, so zu tun, als wären die Niederländer plötzlich intolerant oder calvinistisch-fundamentalistisch geworden, hätten sich abrupt wieder auf ihren Hass auf die ehemaligen Besatzer besonnen oder wären bei den letzten Wahlen rechten Demagogen aufgesessen. Das solche Meinungen in diesem Blog vertreten werden ist für mich Ausdruck der ja auch hier angeprangerten deutschen Arroganz. Also nicht mit dem Finger auf die Niederländer zeigen und händeringend nach Erklärungen suchen. Statt dessen wieder einmal: eigene Nase; Splitter-Balken; Glashaus-Steine. Langsam gehen mir die Metaphern aus… Moment… genau… „Vor der eigenen Haustür kehren“ ist angesagt. In diesem Sinne:
      http://hanfverband.de/index.php/aktiv-werden

      • Ich würde echt trennen zwischen einer Tolereranz gegenüber einem Staat und gegenüber dessen Bürgern. Ja, der Wietpas ist auch gelebte Toleranz gegenüber der Meinung der deutschen Regierung, die Drogentouristen gerne loswerden wollen, aber es diskriminiert nunmal ausländische Kunden.
        Und ich denke mal, die „Gebüschpinkler“ halten sich in Grenzen und das sind dann auch die selben, die es Zuhause tun.
        Was ist denn gegen Touristen einzuwenden, die ausschließlich für die Coffeeshops in die Niederlande fahren? Wieviele Ausländer reisen denn momentan nach Deutschland ein um AUSSCHLIESSLICH das Oktoberfest zu besuchen? Ich hab da auch nichts gegen.
        Übrigens: „Meine“ niederländische Stadt kenne ich ganz gut. Ich habe dort bereits Ausstellungen besucht, gehe öfters ins Schwimmbad, Besuche den Markt, setze mich ins Café, kenne einen
        Großteil der Supermärkte, gehe Schoppen etc. Du hast auch ein wenig zu sehr pauschalisiert.

      • pirat

        Es gibt auch andere Möglichkeiten hier in der Hanfbewegung in D sich zu engagieren bzw zu spenden. Für eure Spenden an diesen Hanfverband müsst ihr 19%Mwst bezahlen, weil das eine Privatfirma ist.

      • Mike

        wer benimmt sich daneben ??
        wer pinkelt ins Gebüsch ??
        geh dich mal Entschuldigen , nur zur Info : eine Entschuldigung setzt ein fehlverhalten vorraus .
        Keine ahnung was in deinem Umfeld so abgeht , aber „gebüschpinkler“ kenne ich keine ….

  • Anonymous

    Antonio Peri, dir ist gelungen die Niederländische Seele zu erfassen. Grosses Lob dafür, jeder Niederländer wird deine Worte mit Stolz bestättigen. Danke noch mal!

    • Das ist wohl zuviel des Lobes. Ich denke kaum, das ein Großteil der Niederländer stolz darauf wäre, was ich hier verfasst habe. Immerhin gehe ich einerseits recht hart mit Ihnen ins Gericht, vor allem aber ist meine Betrachtung vor allem die eines Ausländers und soll zwar ein etwas hintergründigeres und genaueres Bild der Niederlande abbilden, als das monothematische und klischeehafte Bild der meisten Touristen. Aber unvollkommen und evtl. halbfertig und sogar teils mit Fehlern (wie der Gardinensteuer) belastet), ist es dennoch. Ich weiß zwar manches und habe auch Erfahrungen mit dem Land, aber vieles bleibt mir doch mental fremd – auch wenn ich es theoretisch erfassen kann – und daher ist die Wahrscheinlichkeit von Interpretationsfehlern hoch,

      Ein Zitat – das im Kontext des Essays aber noch wichtig gewesen wäre, möchte ich an dieser Stelle nachreichen: „Gott hat die Welt erschaffen – aber die Niederländer haben Holland erschaffen.“ Das entspricht gewissermaßen der Wahrheit, denn viel Land wurde dem Meer abgerungen. Zum anderen begründet es auch Stolz und Selbstbewußtsein. Und auf dieses Selbstbewußtsein kann man vertrauen, wenn man Optimist ist, und noch Hoffnung hat, das die Niederlande weiterhin selbstbwußt genug sind, ihren eigenen Weg zu gehen und sich nicht völlig dem direkten oder indirekten Diktat des, in der Prohibition vereinigten, Europas beugen werden.

      Ich denke auf diesen letzten Absatz könnte wirklich jeder Niederländer stolz sein.

  • Marcel

    Find den Artikel auch sehr aufschlussreich und kann das geschriebene auch nur nochmal unterstreichen und bestätigen.

  • Björn Andresen

    Der Artikel war in der Tat sehr interessant. Ich kann die Mentalität des Calvinismus schwer nachvollziehen. Auch bzw. gerade wenn davon ausgeht, dass das Leben vorbestimmt ist. In Bezug auf den „Abschaum“, müsste man den Underdogs doch erst recht helfen. Da sie ja sowieso machen können was sie wollen und sich noch so sehr anstrengen, sie werden laut Calvinismus keine Chance haben. Dann noch auf solche Leute eintreten ist eigentlich indsikutabel. Das ist eine sehr fragwürdige Geisteshaltung. Ich hatte aber immer schon das Gefühl, die NL sind die USA in klein. Jetzt weiss ich woran das liegt.
    Zur Sprache möchte ich auch noch was sagen. Ich bin der Meinung man sollte idealerweise die Landessprache sprechen wenn man kann, ansonste Englisch. Ich spreche in Holland immer Englisch (habe gerade angefangen NL zu lernen in der Hoffnung es noch anwenden zu können/dürfen). Ich habe es in Adam mal erlebt, dass ein deutsches Rentnerpaar beim Bäcker vor mir war und nicht nur deutsch gesprochen haben, sondern auch noch sehr arrogant und pampig waren, dass ich mich femdschämen musste. Eigentlich wäre ich als nächster dran gewesen. Meine Landsleute waren mir allerdings so peinlich, dass ich mich entschloss zu einem anderen Bäcker zu gehen. Vielleicht hätte ich mich aber auch bei der Verkäuferin für meine Landsleute entschuldigen müssen. Ich bin immer bemüht nach bestem Wissen und Gewissen im Ausland entsprechend zu benehmen. Ich habe auch immer vermieden in der Öffentlichkeit zu kiffen usw.

  • Jack

    Wer schaut denn auch in die Wohnungen der Leute? Ich habe das nie gemacht wenn ich durch die niederländischen Straßen gelaufen bin. Das verbietet mir schon meine gute Kinderstube ….

    Touristen, die sowas machen, sind einfach nur primitiv. Jedem von uns würde das auch auf den Sack gehen, wenn fremde Leute sich die Nase am Fenster platt drücken und in die eigene Wohnung gaffen würden …

  • Anonymous

    Wenn einer calvinistisch ist, dann doch auf jedenfall die FDP. Und wer regiert hier in Deutschland mit, yes die FDP.

  • Tobi

    Vielen dank für diesen informativen und vor allem sehr interessanten Bericht!!
    Da deckt sich einiges mit meinen persönlichen Erfahrungen..
    Letztes Jahr war ich für ein paar Tage in Zandvoort, dort natürlich auch des Öfteren im Yanks..
    Ich selber spreche kein Nederlands, aber für ein „Dank u wel“ und „alstublieft“ reicht es immerhin..und auch wenn es nur kleine Höflichkeitsfloskeln sind, die Wirkung stimmt..
    Der Budtender im Yanks nahm mich beiseite und erklärte mir das ich dem Personal durch meine Höflichkeit aufgefallen sei, er es toll findet wenn sich Deutsche ausnahmsweise so Verhalten und mir auf die weise alle Türen in Holland offen stehen würden.. Naja letztenendes war es ja nur bitte und danke auf NL, aber wenn ich damit so aufgefallen bin, lässt das doch tief blicken wie sich andere Landsleute wohl Benehmen.. :(

  • Jörg

    Die Provinz Limburg mit ihrer Hauptsatdt Maastricht is übrigens eher katholisch als calvinistisch. Aber die müssen ja auch keine Dämme bauen. Und „Holländer“ gilt dort als Beleidigung.

  • Kawumm

    Doctordude: Ich finde es zwar auch nicht gerade schön wenn man öffentlich irgendwo hinpinkelt, aber reicht das schon aus um „Abschaum“ zu sein? Wir reden hier immer noch von Menschen die im übrigen wahrscheinlich eine Lange Fahrt hinter sich haben und meistens auch gerade nicht wissen wo sich öffentliche Toiletten befinden.

    Ich finde vor allem auch den Umgang mit Obdach-und/oder Arbeitslosen in den Niederlanden ziemlich fragwürdig.Diese „Funktioniere oder stirb doch“ Mentalität gibt es in Deutschland natürlich auch,aber in dem Punkt sind die Niederländer sogar (noch) intoleranter als Deutschland.

    • Revil O

      Und wenn einige niederländische Städte mal mehr in öffentliche WC´s investieren würden, dann müssten auch viele Menschen mit ner dicken Blase nicht woanders etwas zwangsverzehren, damit man dort mal das WC benutzen darf oder halt irgendwo wild rum strullen!!
      Ist von den niederländischen Gemeinden zum grossen Teil auch ein selbstgemachtes Problem!!!

  • M. Amolsch

    Also grundsätzlich stimme ich diesem Artikel voll und ganz zu. Als Deutscher, der seit zehn Jahren in den Niederlanden lebt, bin ich durch den Artikel sehr angetan, da dadurch endlich die Dinge in Worte gefasst werden, die ich hier als so immens schwierig erfahre. Aus diesem Grund habe ich den Artikel unter http://amolsch.com/?p=101 auch auf Niederländisch übersetzt.

    Genauso wichtig ist es mir nun jedoch, zu erwähnen, dass ich in der vergangenen Woche eine (wenn auch möglicherweise auf eine bestimmte Region beschränkte) Seite der niederländischen Mentalität kennengelernt habe, die sehr offenherzig, unvoreingenommen und persönlich interessiert ist, ohne dabei ein Übermaß an Konformität (Stichwort ‚Assimilation‘), Status o. ä. vorauszusetzen. Eine Woche zum Genießen.

  • Mein einziger Artikel (lustigerweise der erste, der noch als Gastbeitrag erschien) der ins Niederländische übersetzt wurde: http://www.amolsch.com/?p=101

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