Neue Studie über Overlast

Als ich 2012 mit „Kein Wietpas!“ ins Netz gegangen bin, hatte ich absolut keine Erfahrung mit dem Übersetzen von niederländischen Texten. Mit Hilfe von GoogleTranslate und der Tatsache, dass sich unsere Sprachen sehr ähneln, hangle ich mich seitdem durch die Nachrichten aus unseren Nachbarland um dieses Blog mit Beiträgen zu füllen. Immer wieder stößt man beim Lesen auf das kleine Wörtchen „Overlast“. Dieser harmlos klingende Begriff, den man im deutschen wohl am ehesten mit „Belästigung“ übersetzen würde, ist seit langer Zeit einer der Hauptgründe, warum die Drogenpolitik der Niederlande immer restriktiver wird.

gefühlte Overlast im Vergleich

„Overlast“ kann vieles bedeuten: Der kleine Kiffer aus dem deutschen Grenzgebiet, der mit seinen Freunden feixend durch die Innenstadt marodiert, am besten mit einem brennenden Joint in der Hand. Der laufende Motor des in zweiter Reihe parkenden Autos vor dem Coffeeshop. Volle Parkplätze in der Umgebung von Coffeeshops. Aber auch: Aggressive Strassendealer, die Anwohnern und Touristen ihre Ware aufzwingen wollen, Aggressionen vor Coffeeshops, bei denen auch mal Schüsse fallen.  Die Gründe, warum sich Anwohner durch Drogen oder die Anwesenheit von Drogenhändlern, belästigt fühlen sind vielseitig, trotzdem werden sie alle lapidar mit dem Begriff „Overlast“ zusammengefasst.

Nicht dass Ihr mich falsch versteht: Ich möchte die Belange der Bürger nicht herunter spielen. Fernab von konservativen Weltbildern sind Ruhestörungen oder faktische Verbrechen nichts, was man irgendwie gutheißen kann und auf „Kein Wietpas!“ haben wir uns stets dafür eingesetzt, dass wir als Coffeeshopbesucher uns gefälligst zu benehmen haben und uns an die Regeln des Miteinanders halten sollten.

Trotzdem fehlt mir in der Berichterstattung in den niederländischen Medien allzu oft eine Differenzierung zwischen den einzelnen Arten der „Overlast“. Ein wenig erinnert mich das an die hiesige Diskussion um rechte und linke Gewalt im Rahmen der G20-Krawalle in Hamburg. Sicher ist es nicht tragbar, wenn das eigene Auto brennt, die eigene Nachbarschaft durch Vandalismus zerstört wurde. Aber es macht verdammt nochmal einen riesigen Unterschied, ob eine Mülltonne oder ein Asylantenheim brennt.

Rangliste mit kaum vergleichbaren Gemeinden

Und wenn jetzt die neue Studie des Central Bureau of Statistics (CBS) ergibt, dass die Gemeinden mit der meisten gefühlten „Overlast“ Roosendaal, Maastricht, Rotterdam, Sittard-Geleen, Heerlen und Venlo (in dieser Reihenfolge) sind, dann hat das kaum vergleichbaren Character, denn gerade diese Städte können in ihrer Drogenpolitik vor allem in Punkte Coffeeshopregelung kaum unterschiedlicher sein: Roosendaal hat seinen letzten Coffeeshop 2009 geschlossen, um die Overlast durch Drogentourismus zu bekämpfen, Maastricht hatte seit eh und je eine Vorreiterrolle in der Ausländerdiskriminierung seit Beginn des Wietpas-Zeitalters bestritten und das obwohl die Stadt als kleines Cannabis-Mekka des Südens galt, Rotterdam als Arbeiterstadt mit hoher Arbeitslosigkeit und zweitgrößte Coffeeshopgemeinde des Landes, Sittard-Geleen mit ständig wechselnder Marschrichtung in Punkto Ausländerdiskriminierung und lange Zeit Auffangstadt der ehemaligen Maastricht-Coffeeshopkunden, Heerlen mit der seltsamen „Kaufen-Ja, sitzen-Nein-Politik“ und Venlo… ach ihr wisst schon ;-) Wie soll man die Situation in diesen Gemeinden denn vernünftig vergleichen können? Hat die „Overlast“ in einer Gemeinde, in der man auch als ausländischer Gast in einen Coffeeshop marschieren kann und sich beim Weg dorthin vielleicht etwas zu rüpelhaft verhält, nicht eine völlig andere Qualität als ein Strassendealer, der neben Gras auch Kokain selbst Minderjährigen anbietet?

Die groß angelegte Studie, bei der die Bürger aller größeren Gemeinden zu ihrem Gefühl befragt wurden, hat meiner Meinung nach nur eine zweifelhafte Aussagekraft. Ein konservativer VVD-Wähler empfindet das Treiben rund um einen Coffeeshop sicherlich als wesentlich bedrohlicher als ein D66-Sympathisant, der sich am Wochenende vielleicht auch mal einen Jointje anzündet. Meiner Meinung nach sagt eine solche Studie mehr über die Einstellung der Befragten aus, als über die Dringlichkeit von Problemen durch Coffeeshops und deren Besucher.

Leider werden seitens der Politik immer die falschen Schlüsse aus den Studien gezogen.

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mobo

"Coffeeshops sind mehr als nur eine schnöde Verkaufsstelle für Cannabis. Sie repräsentieren einen wichtigen Teil der weltweiten Cannabis-Kultur und sind ein Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Besucher. Daher sehe ich sie als schützenswertes Kulturgut an."
mobo aka Stefan Müller wurde 2012 mit der Schaffug von "Kein Wietpas!" erstmalig in der Szene aktiv.
Seit 2014 Headshopbetreiber mit dabbing.de
  • passopp

    Der Knackpunkt ist das kleine Wort „over“ in der Overlast. Last hat jeder, bei vielem oder auch wenigem. Übermäßige Last aber, die muss nicht sein.

    Groeten. :)