Anbau-Modellversuch: Ein Ruck geht durch die Niederlande

Die vor der tatsächlichen Veröffentlichung geleakte Information im Koalitionsvertrag über den geplanten Modellversuch zum Gemeindeanbau von Cannabis als Versorgung für die Coffeeshops von 6-10 Gemeinden hat enorme Wellen geschlagen. Dass das Thema Cannabis in den Niederlanden seit je her weitaus mehr im politischen Mainstream und gesellschaftlichen Diskurs ist als hierzulande ist nichts neues, aber jetzt wurde das Thema wieder zur „Seite 1 – Headline“. Jedes Newsportal, jede Zeitung hat darüber berichtet, in jeder Gemeinde werden Politiker zu der Sache befragt und viele Aktivisten aus der niederländischen Szene dürfen öffentlich einem breiten (Sic!) Publikum ihre Meinung dazu kundtun.

Und auch hierzulande haben zumindest die großen Szene-Portale viel darüber berichtet und eben nicht nur wir, wie sonst meistens…

Noch immer sind keine Details zur Durchführung bekannt, trotzdem haben jetzt schon sehr viele Gemeinden Interesse bekundet an dem Modellversuch teilzunehmen oder zumindest darüber im Rat zu debattieren. So wollen sich Nijmegen, Heerlen, Breda, Venlo, Eindhoven, Weert, Utrecht, Haarlem, Rotterdam, Den Haag und tatsächlich sogar Amsterdam darum bewerben, ihren Coffeeshops legal produziertes Cannabis zu ermöglichen. In vielen anderen Städten hat man zwar noch keinen Entschluss gefasst, begrüßt aber die Entscheidung sehr und man will auch dort überlegen, ob eine Bewerbung abgegeben werden soll. Derzeit sind es ca. 30 Gemeinden, die sich bewerben wollen oder darüber nachdenken. Selbst in Maastricht gibt sich Bürgermeisterin Annemarie Penn-te Strake euphorisch: „Das ist ein echter Moment um zu jubeln“

Auch viele niederländische Hanfaktivisten und auch Coffeeshopbetreiber sehen den Modellversuch als einen Schritt in die richtige Richtung. Peter Schneider, Betreiber des Coffeeshops „Nobody´s Place“ in Venlo ist erstaunt: „Ich habe das nicht vom neuen Kabinett erwartet, aber ich bin begeistert!“ Derrick Bergmann, Präsident des VOC sieht in dem Beschluss den lang herbeigesehnten Bruch der Politik der letzten 15 Jahre

Doch natürlich gibt es auch Befürchtungen und Kritik. Die größte Sorge ist, dass die Coffeeshops die Sortenvarianz verlieren würden und nur noch wenige angebotene legale Strains anbieten können. Wenn es dazu noch zu einer Limitierung des Wirkstoffgehaltes kommen würde, dann würden immer mehr Kunden auf dem Schwarzmarkt kaufen, der dann sehr schnell (zu Recht) den Ruf bekommen würde, dass man da „das gute Gras“ bekommen kann. Und was mit den Liebhabern von Import-Ware, z.B. aus Marokko passieren wird ist bisher völlig unklar. Viele Stimmen fordern daher, dass man die Anbau Lizenzen nicht an wenige große Anbieter, sondern an viele Kleinbauern vergeben solle, die mit viel Enthusiasmus die heutige Vielfalt bewahren können. Zudem würde sich die Sorge von Nol van Schaik, dass bei Ernteausfällen durch Schädlinge, Feuer oder Ähnliches plötzlich viele Shops komplett ohne Ware dastünden, erledigen.

Quo vadis, Coffeeshops?

Auch heute schon greifen viele Shops lieber auf Ware von Kleinbauern statt von Großproduzenten zurück, denen es eher ums schnelle Geld als um ein gutes Produkt geht.

Überhaupt stellt sich die Frage, ob man von heute auf morgen den Bedarf einer ganzen Gemeinde bedienen könne. Nol van Schaik plaudert aus dem Nähkästchen und gibt an, dass der jährliche Bedarf der 16 Haarlemer Coffeeshops bei 3500kg liegt. Das dürfte nicht einfach sein für ein oder zwei Unternehmen. Daher dürfte auch bezweifelt werden, dass Amsterdam bei den Testgemeinden mit dabei ist, denn der Bedarf ist hier noch mal exorbitant höher.

Kritik gibt es auch beim Budget des Versuches: Während es für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität satte 100 Millionen Euro geben soll, liegt das Budget des Modellversuches  gerade einmal bei einer Million Euro. Für vier Jahre.

Die größte Kritik kommt übrigens aus den Reihen der Partei, die Anfang des Jahres den Stein erst ins Rollen gebracht hat: Die D66 kritisiert, dass es trotz des Beschlusses, Anbau für alle Shops zu ermöglichen, jetzt erst mal nur den abgeschwächten Modellversuch geben werde. Vergessen wird dabei jedoch, dass es jetzt um eine echte legale Produktion gehen soll und eben nicht nur um eine Ausweitung der Toleranzpolitik auf die Hintertür.

Fakt ist jedoch, dass es spannend wird in den nächsten Jahren und die Niederlande wieder mal eine führende Rolle in moderner Drogenpolitik einnehmen könnten. Bei all den Kritikpunkten sollte man nicht zu pessimistisch sein, aber natürlich ist auch ein übertriebener Optimismus nicht angebracht. Warten wir einmal ab.

Wie die Bundesregierung zu dem Thema steht konnte ich noch nicht herausfinden. Daher habe ich eine Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz an das auswärtige Amt gestellt. Sobald die Antwort da ist, werde ich darüber berichten.

mobo

"Coffeeshops sind mehr als nur eine schnöde Verkaufsstelle für Cannabis. Sie repräsentieren einen wichtigen Teil der weltweiten Cannabis-Kultur und sind ein Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Besucher. Daher sehe ich sie als schützenswertes Kulturgut an."
mobo aka Stefan Müller wurde 2012 mit der Schaffug von "Kein Wietpas!" erstmalig in der Szene aktiv.
Seit 2014 Headshopbetreiber mit dabbing.de
  • Vhf

    @ mobo

    danke für den artikel mal wieder! sehr schönes und rundes ding! vor allem, weil du eben von vielen seiten an die materie gehst, mir fiele zumindest nicht ein, was es noch zu sagen gäbe und ich habe den hier jetzt eine gute weile sacken lassen(trotzdem: irren ist menschlich*g*).
    die „massenmedien“ hierzulande sollten diesen mal als referenz berücksichtigen!(was ja m.e. nach mit inhalten von hier in der vergangenheit schon das ein oder andere mal vorkam, oder?! in jedem fall nicht häufig genug!)
    persönlich bin ich besonders darüber erfreut, dass du auch die frage nach dem umgang mit importierten haschischsorten aus den traditionellen anbauländern angerissen hast und deren umgang bei einer geregelten grassproduktion, auch mein reden immer gewesen in den diskussionen hier(ha, da fällt mir doch noch ein riesengroßes manko ein: du bist nicht auf die traditionellen importgrasssorten aus z.b. jamaika, ghana, thai etc. eingegangen;) ).

    abgesehen davon hoffe ich, dass das budget von mickriger einer million entsprechend angehoben wird, besonders bei den genannten zahlen.
    die frage nach kleinbauern(wie beim wein fände ich einen guten anhaltspunkt)oder größeren unternehmen(dennoch mit entsprechender hingabe bitte^^)wüsste ich auch nicht so schnell zu beantworten. „entweder oder“ oder „beides parallel“?
    letzteres wäre aufgrund der vielfalt wohl wünschenswert, aber bei einem modellversuch wohl erstmal schwer(?) umsetzbar.
    dazu gäbe es noch viel zu sagen…meinungen bitte, leute^^!

    summa sumarum hoffen ich also mal, dass auf der basis der genannten sachlage an einer ausarbeitung bzw. verbesserung gearbeitet wird, wenn der koalitiionsvertrag im kasten ist, abstriche bitte nicht^^.

    viele grüße
    *vhf*

    • Ich habe Marokkanisches Haschisch jetzt als Beispiel für Importware genommen, dass es noch viele andere Beispiele gibt war mir klar.
      Bei der Budgetfrage sollte man natürlich anmerken, dass bei der Verbrechensbekämpfung ja nur Geld investiert werden kann, abgesehen von Beschlagnahmungen gibt es ja keine Einnahmen, während der Anbau sich ja selbst tragen kann, da er ja Gewinne abwirft. Die Million wird dann nur für die Begleitstudie und Ähnliches Verwendet. Natürlich müssen ja auch die Anbaubetriebe und endlich auch die Coffeeshops Steuern auf die ehemaligen Backrohr-Aktivitäten zahlen.

      • Vhf

        @ mobo

        stichwort „importware“, das hatte ich überlesen, sorry und danke:D! auch für die weitere erörterung.

        stelle mir das mit der importware ohne faulen kompromiss(„illegaler import geduldet, da importländer nicht legalisiert haben“)schwierig vor, aber wir werden sehen.

        danke ansonsten auch für eure vielzählen meinungen;)!

        viele grüße
        *vhf*