Kuriositäten aus Südholland

Ein Luftbild der Gemeinde Katwijk

Zuerst mal einen echten Knaller aus Katwijk (Zuid-Holland): In der Gemeinde am Meer hatte sich Aushilfs-Bürgermeister Frank Koen (CDA) den Krieg gegen Hanf auf seine Fahne geschrieben. Nachdem Jos Wienen im letzten Jahr in Haarlem seine neue Stelle als dortiger Bürgermeister angetreten hat, musste eine Interimslösung bis zum Antritt des neuen  Amtsinhabers her, welcher genauso so ein Realitätsverweigerer zu sein scheint und Anfang Mai seine Arbeit aufgenommen hat. Bereits im letzten Jahr gab es etliche Aktionen gegen Kleingärtner und „mittelgroße Betriebe“, welche mit aller Härte des Gesetzes bekämpft wurden. In den Niederlanden heißt das in einigen Gemeinden nicht nur, dass man vom Richter zu einer Geld-/Freiheitsstrafe verurteilt wird, sondern zusätzlich auch noch für mindestens 3 Monate aus seinem Mietobjekt fliegt. Für jemanden mit 15 Pflanzen für den Eigenbedarf ist das ein enormer Schlag, aber die Großproduzenten dürfte das eher weniger interessieren. Diese growen sicher nicht zuhause und Amphetamin-Produktionsstätten finden man auch nicht in einer eigens bewohnten Mietunterkunft.

Frank Koen (CDA)

Nun aber zum eigentlichen Knaller: Man könnte meinen, diese Aktionen würden dem Möchtegern-Bürgermeister Frank Koen reichen, doch weit gefehlt. Selbst ein einfacher Konsument hat in Katwijk absolut nichts zu lachen. Die Polizei wurde angewiesen, selbst kleinste Mengen zu beschlagnahmen und das Oppportunitätsprinzip auszublenden. Begründet wird dieses widerliche Verhalten durch die landesweite Duldungsverordnung, welche den Transport mehr oder weniger ausschließt. Einen Präzedenzfall gibt es hier nicht, da jedem klar ist: Wer kauft, muss auch transportieren. Natürlich kann man sich auch nur soviel kaufen, dass es für 1-2 Joints im Shop reicht. Der Realität entspricht das allerdings nicht im Geringsten. Der Durchschnittskunde (Einheimischer) springt schnell rein, kauft 1-5g und fährt dann wieder. Das wird auch Frank Koen klar sein, aber wenn die Duldungsverordnung diese Lücke lässt, öffnet das Hardlinern alle Türen. Ich bin mir zwar sicher, dass diese Luftnummer keine Schule macht, aber 2-3 Sympathisanten wären wohl leicht zu finden. In feinster „Marlene Mortler Gangart“ heißt es offiziell seitens der Gemeinde: Der Konsum und Besitz von bis zu 5g wird im Coffeeshop und Zuhause geduldet. Das schließt nicht den Transport ein.

Das wir hier nicht von Dummheit, sondern gezieltem Hass sprechen, dürfte schnell klar sein. Zu verstehen ist das allerdings nicht. Dass es in der Gemeinde mit knapp 65.000 Einwohnern keinen Coffeeshop gibt, zeigt noch deutlicher, wie dort vorgegangen wird. Es wäre natürlich einfach, alles dem Interims-Bürgermeister in die Schuhe zu schieben. Schon vor dem zweiten Weltkrieg war Katwijk politisch dem rechten Zentrum zuzuordnen. Die ehemalige Christlich-Historische Union, die bis 1980 bestand, hat von 1927-1980 den Bürgermeister gestellt. Nach der Auflösung hat sich die CHU zusammen mit zwei anderen Parteien ähnlicher Gesinnung zur CDA zusammengeschlossen, welche bis heute den Bürgermeister stellt.

Man sieht also, der politische Kurs stößt auf großen Anklang unter den extrem konservativen Wählern. Selbstredend kommt auch der neue Bürgermeister von der CDA und heißt Cornelis Visser. Ein radikaler Kurswechsel wird also ausbleiben, aber ich bin zuversichtlich, dass wenigstens die Beschlagnahmungen von den eigentlich geduldeten 5g ein Ende finden. In den Top 5 der cannabisfeindlichsten Städte in den Niederlanden kämpft Katwijk klar um den Titel.

Ein Lacher habe ich zum Schluss noch. Unserem geliebten mobo wurde vor knapp 20 Jahren mal das Autoradio in Katwijk geklaut und somit durfte er dann mit eingeschlagener Scheibe und ohne Musik wieder nach Hause fahren. Es gibt also auch noch andere fiese Buben, die kein Cannabis anbauen oder dieses vom Coffeeshop nach Hause transportieren. Aber wen interessiert schon gewöhnliche Kriminalität, wenn man einen Rentner vor die Tür setzen kann. Wir kennen doch alle die Senioren mit Bauchtasche und Trainingsanzug, die den Jugendlichen an der Straßenecke ihre selbst angebaute Ware anbieten. Wer frech wird, kriegt den Gehstock zu spüren. (Das ist natürlich Ironie und soll den Wahnsinn verdeutlichen. Die Rentner wird es wohl sehr selten erwischen, aber das reicht ja schon.) Ich werde diesen Schandfleck auf der niederländischen Landkarte definitiv im Auge behalten. Nach dem Schock muss ich jetzt erstmal einen rauchen!

Kushdee

Kushdee

In den letzten Jahren habe ich mich eingehend mit der Niederländischen Coffeeshopkultur beschäftigt und einige Erfahrungen vor Ort sammeln dürfen. Sie hat mich quasi in Ihren Bann gezogen und lässt mich nicht mehr los. Ich freue mich hier auf "Kein Wietpas!" dabei sein zu dürfen und euch regelmäßig Beiträge zu liefern. Wie man in den Grenzregionen sieht, kann auch ein "kleines" Blog zur Verbesserung der Situation beitragen.
Kushdee
  • Und mal am Rande: Zum Glück hat es nicht geregnet und es war Sommer…