Gastbeitrag: Gedanken zum Thema Coffeeshop-Verbot in den Niederlanden

Vor kurzem hat ein User mit dem Nickname “xy” einen wirklich guten Kommentar geschrieben, worauf ich ihn gebeten habe, doch mal einen Gastbeitrag zu schreiben. Und das hat er wirklich getan! Er beschäftigt sich dort viel mit der Versorgung der Coffeeshops und den ganzen Problematiken, die das mit sich bringt. Höchst interessant. Ob das alles so stimmt müsst ihr beurteilen. Für mich klingt es alles sehr plausibel. Vielen Dank dafür!

Hallo liebe Mitstreiter,

nachdem die Reaktionen auf meinen letzten Kommentar recht positiv ausfielen möchte ich Euch einfach mal meine grundsätzlichen Gedanken und meine Sichtweise zum geplanten niederändischen Coffeeshop-Verbot in einem Gastbeitrag mitteilen. Ich hoffe es wird nicht zu trocken und wirr ;). Hierzu muss ich ein wenig in die Vergangenheit ausholen.

Damals™, als ich mit dem Kiffen anfing (so mit 17, 18), da war es hier bei uns auf dem Lande relativ schwer, überhaupt an was Rauchbares ranzukommen. Man musste bestimmte Leute kennen, die entweder ‘ne Holland-Connection hatten, ab und zu rüberfuhren oder selbst anbauten. An was gutes Rauchbares zu kommen war da echt ne Aktion. Gab’s mal nichts, blieb nur eine (ziemlich gute) Option: Sich selber ins Auto setzen, ab nach Enschede ins vorzugsweise zum Miami oder Peter Bar, 45 Minuten hin, 45 Minuten zurück. Relativ geringes Risiko, erwischt zu werden. Man schwimmt ja in der Masse mit und es wird nur stichprobenartig kontrolliert… Das war noch zu Zeiten, wo ein Gramm Gras ca. 7 DM kostete. Donnerstags war Bonustag. Kaufte man 5 Gramm, gab es ein Bonusgramm Hasch dazu oder es gab die 5 Gramm für nur 30 DM. In den Coffeshops selbst traf man viele Deutsche, die regelmäßig ihren wöchentlichen Bedarf in den Shops deckten. Man kannte sich sogar teilweise vom sehen.

Zu dieser Zeit war Kiffen noch nicht so populär wie heute. Das kam erst richtig in Mode, als die Hiphop-Welle Anfang/Mitte der neunziger Jahre von Amerika mit Künstlern wie z.B. Snoop Dogg, Dr. Dre, Jay-Z, ODB (RIP) oder dem Wu-Tang Clan nach Europa schwappte. Die amerikanischen Rapper haben nie einen Hehl daraus gemacht, das sie Weed rauchen (und das in nicht geringen Mengen). Plötzlich fingen hier alle an zu buffen und zu dealen und hielten sich für Gangster. Der Schwarzmarkt in unserem verschlafenen Kaff explodierte. überall gab es Gras zu kaufen, welches aus den nahe gelegenen Niederlanden den Weg auf die Straßen unserer Kleinstadt fand. Jeder kannte jemanden, der entweder kiffte oder was klarmachen konnte. Die Preise für das Gras waren dafür dann ziemlich gesalzen. Aus 7 DM wurden dann mal schnell 10 DM pro Gramm, da die Ware meist noch durch mehrere Hände ging und jeder was vom Kuchen abhaben wollte. Dafür hatte man dann aber bestes ‘Holland-Weed’, ganz ohne Stress.

Woher bekamen die ‘größeren’ Dealer denn nun ihre Ware? Aus den Coffeeshops wohl kaum, da man dort immer nur 5g pro Person kaufen darf. Die Zeiten, wo man noch 30g p.P. kaufen durfte, habe ich leider nicht mehr miterlebt. Die Dealer werden wohl kaum jeden Shop abgeklappert haben, um sich dort dann ihre 5g zu kaufen. Nein, in den Growshops unter der Ladentheke gab’s die ‘größeren’ Mengen zu besseren Preisen. Und das war exakt das gleiche Zeug, was man auch in den Coffeeshops kaufen konnte.

Dann kam der Euro und alles ging den Bach runter. Die Preise wurden 1:1 weitergegeben. Aus 7 DM/g wurden 7 €/g. Die Nachfrage nach Gras war groß und die meisten Kiffer hatten keinen Plan, wie gutes, sauberes Gras auszusehen hat. Die haben einfach alles gekauft, was grün war. Hauptsache glänzende, kompakte und steinharte Buds. Konsequenz: Mit Zuckerwasser und Vogelsand / Haarspray / Babypuder / wasweißich gestrecktes Gras tauchte zum ersten Mal bei uns auf der Straße auf und keiner konnte oder wollte glauben, das es jetzt tatsächlich so weit wäre, das man Gras streckt. Bei Hasch, Heroin und Kokain wusste man ja, das da alles drin sein kann, aber bei Gras?! Nee…

Wenn man Drogen streckt, dann tut man dies, um den Gewinn beim Verkauf zu erhöhen. Einen anderen Grund gibt es nicht. Es wird wohl kaum gestreckt, um die Qualität zu verbessern. Ich growe selber und sorge dafür, das es meinen Pflanzen gut geht. Keine Pestizide, keine Düngerrückstände oder sonstiger Dreck kommt an meine Pflanzen, weil ich ja eine möglichst hohe Qualität für mich und meine Gesundheit will (psychisch und physisch). Jede Pflanze wird beobachtet und umsorgt. In einer Lagerhalle mit sagen wir mal 1000 Pflanzen (das ist für holländische Verhältnisse ein ‘kleiner’ Kommerzgrow) ist das schlichtweg nicht möglich, aber letztlich auch egal, weil man das Zeug ja nicht selber rauchen muss. Gras war eigentlich eine Droge, mit der sich nicht innerhalb kürzester Zeit viel Geld verdienen ließ. Kokain und Heroin waren dafür besser ‘geeignet’. Waren. Vergangenheitsform. Und hier kommt ein Herr Opstelten ins Spiel.

Wie ich bereits in einem vorangegangenen Kommentar geschrieben hatte, ist die organisierte Kriminalität im Cannabu$ine$$ angekommen. Um den Markt zu bedienen werden in Holland ganze Wohnungen in Indoor-Plantagen umfunktioniert. Ganze Badezimmer werden komplett rausgerissen und die Fläche mit Pflanzen gefüllt. Die Plantagen werden oft von extra hierzu illegal eingeschleusten Vietnamesen betreut. Die hausen dann teilweise unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Plantagenwohnungen. Wir haben es also auf eine gewisse Art mit illegalem Menschenhandel zu tun!

Für einen bestimmten Betrag stellen Amsterdamer Immobilienmakler gern geeignete Objekte zur Verfügung und halten anschließend die Klappe. Die Installation der Starkstrom-Elektrik erledigt der nette Herr vom Örtlichen Energieversorger; ebenfalls für ein gewisses Entgelt. Kommt einer auf die Idee was zu verraten, gibt’s Tote. Bestechung und Korruption, Verhältnisse á ‘Miami Vice’.

Solche Verhältnisse kann und darf ein Staat / die Politik natürlich nicht hinnehmen. Da kann ich einen Herrn Opstelten durchaus verstehen. Niemand möchte gerne Mord und Totschlag in seiner Nachbarschaft. Spätestens wenn Leichen von Maschinenpistolen durchsiebt in Vorgärten oder auf Spielplätzen liegen (und genau das ist wohl schon passiert), dann hört der Spaß auf. Echt. Korruption, Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Menschenhandel, Waffenhandel, Mord und Totschlag haben wohl im holländischen Cannbisgeschäft die Macht übernommen. Die Konsumenten werden dank Brix von gewissenlosen Cash-Croppern vergiftet.

Die in der letzten Zeit des öfteren auftauchenden Nachrichten bzgl. staatlich kontrollierter Plantagen in NL sehe ich lediglich als ein Ansatz, nicht jedoch als eine Lösung des Problems. Wie gesagt, die meisten Holländer versorgen sich bei growenden Freunden, weniger in den Coffeeshops. Da kommt das staatlich produzierte Gras gar nicht erst an. Das ‘staatliche Gras’ ist mit Sicherheit dann auch nicht so potent und lecker wie mit Liebe produziertes Homegrown. Übrigens: Der Begriff ‘Homegrown’ ist nicht mehr negativ besetzt wie damals, sondern eher ein Qualitätskriterium geworden!

Die Coffeeshops zu schließen oder für Touristen den Zugang zu verhindern bringt rein gar nichts. Die Läden sind doch nur die spitze eines Eisbergs. Das, was man an der Oberfläche wahrnehmen kann. Als ich vor ca. 10 Jahren in Amsterdam war, waren die Shops nicht annähernd so voll wie bei meinem letzten Besuch im September 2012. Im ‘Grey Area’ (kennt ihr bestimmt alle) war es damals überhaupt kein Problem, einen Platz an einem der Tische zu bekommen. Beim letzten Mal stand ich in einer langen Schlange, die bis auf die Straße reichte und die die Radfahrer behinderte, welche mit dem berühmt-berüchtigten Amsterdamer Affenzahn durch die Stadt belgten. Folgerung / Beobachtung meinerseits: Immer mehr menschen kiffen, da die Shops rappelvoll sind (Stichwort Overlast, McDope in Venlo usw.).

Die eigentliche Szene (Grower, Samenzüchter usw.) bleibt jedoch im Verborgenen. Und die werden weitermachen, mit oder ohne Coffeeshops. In Deutschland ist es ja auch illegal und es hält mich nicht davon ab, anzubauen. Ganz im Gegenteil. Teure, miese Ware und der Kontakt zu manchmal zwielichtigen Personen zwingen einen ja schon förmlich zu diesem Schritt. Wir wollen doch nur in Ruhe einen zum Feierabend rauchen!

Auch wenn es ein Herr Opstelten (stellvertretend für eine große Mehrzahl an Politikern) es wohl nie begreifen wird: Um das eigentliche Problem (die durch die Illegalität gewachsene organisierte Kriminalität) anzugehen ist der einzig mögliche Weg eine komplette Legalisierung. Der Markt würde sich nach den Gesetzen der Marktwirtschaft ganz von alleine regeln.

Man kann vom Marketing-Genie Arjan ‘Greenhouse’ Roskam halten was man will, aber er hat in meinen Augen schon immer einen plausiblen Ansatz propagiert: Die Coffeeshops sollen ihre Produkte selbst herstellen dürfen. Damit ist eine hohe, gleichbleibende Qualität gewährleistet. Ein Shop kann es sich nicht leisten schlechte Ware zu verkaufen. Die guten bleiben, die schlechten gehen pleite. über die Ernte- und Verkaufsmengen muss genau Buch geführt werden. Im Prinzip wie beim Whiskey brennen. Jeder produzierte Tropfen / jedes Gramm muss aufgeschrieben werden (wegen der Steuer).

Puhh, mir wird langsam schwindelig, ich versuche mal ein Ende zu finden.

Das Thema ist so dermaßen komplex, das ich meine Gedanken dazu hier nur bruchstückhaft aufschreiben kann. Die Zusammenhänge liegen vielleicht auch irgendwo zwischen den Zeilen. Nach all den Diskussionen, die ich nun in über 15 Jahren zu diesem Thema z.B. mit meinen Eltern oder im Familienkreis, mit Lehrern, Freunden und Bekannten geführt habe, gibt es, nach einer ehrlichen Betrachtung der Fakten nur eine Lösung: Legalisierung. AMEN. Mit oder ohne Coffeeshops. Wäre zwar schade drum, aber nicht der Weltuntergang für uns ‘überzeugte’ Kiffer. Mal ehrlich: Dazu lieben wir den Scheiß einfach zu sehr, oder etwa nicht?

mobo

"Coffeeshops sind mehr als nur eine schnöde Verkaufsstelle für Cannabis. Sie repräsentieren einen wichtigen Teil der weltweiten Cannabis-Kultur und sind ein Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Besucher. Daher sehe ich sie als schützenswertes Kulturgut an."
mobo aka Stefan Müller wurde 2012 mit der Schaffug von "Kein Wietpas!" erstmalig in der Szene aktiv.
Seit 2014 Headshopbetreiber mit dabbing.de

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