Gastbeitrag: Ein Blick auf die niederländische Volksseele

Angeregt durch die Kommentare in meinem letzten Essay hat sich unser Leser Antonio berufen gefühlt, einen fantastischen Artikel über die niederländische Mentalität zu schreiben, den ich Euch unmöglich vorenthalten kann. Vielen, vielen Dank dafür! Björn wird sich freuen…

 

Calvinismus, Kolonialmacht, Sturmfluten und Handel – wie sie das heutige Holland formten und woher der aktuelle Paradigmenwechsel, neben der Tagespolitik seinen Nährboden bezieht.

Wer von Euch hat sich denn da drüben nicht benommen?

Diese Frage habe ich nun schon häufiger hier im „Kein Wietpas“-Blog gelesen. Und ich kann sie gut verstehen. In den Straßen um die Coffeeshops in Maastricht war es immer recht ruhig – außer einer Warteschlange, seitdem jeder Ausweis erst einmal eingescannt werden musste, gab es einfach keine Belästigung, zumindest nichts, was wir darunter verstehen würden. Und ich war sowohl schon um 10 Uhr morgens – wie um 23:30 dort. In Amsterdam mag es anders sein, aber Großstädte sind einfach Großstädte und daher kam ja auch nicht die Aufregung um die „Overlast“ – sie kam zuerst im provinziellen Süden auf. Und zwar noch vor Maastricht in den, viel kleineren, umliegenden Gemeinden wie Vaals (die schon Anfang der 2000er Jahre alles was irgendwie mit Drogen zu tun hat abgeschafft haben, dort darf man heute – wie in den USA – nicht mal mehr offen Alkohol auf der Straße trinken) und aus Kerkrade, das schon zwischen 2005 und 2007 die zig illegalen Shops so dermaßen platt gemacht hat (Drugspanden schrappen) das teilweise gar die Häuser abgerissen – ja ihr hört richtig – wurden, in denen Weed illegal verkauft wurde. Ein legaler Shop durfte bleiben – davor gab es 60 Illegale. Beide Orte sind gleich an der Grenze zu Aachen/Vaals und Herzogenrath/Kerkrade – die berühmte Niewstraat/Neustraße – eine Seite Deutsch/eine niederländisch gelegen).

Oft wurde hier ja schon die Ignoranz bezüglich der niederländischen Sprache geäußert, das stößt auch ganz übel auf – aber hauptsächlich bezüglich uns Deutschen. Das sind die alten Ressentiments der Niederländer seit dem zweiten Weltkrieg, wo wir Deutschen sie ja in ein paar Tagen besiegt und dann über Jahre gedemütigt haben (wie halb Europa auch – aber die Holländer nehmen uns das, neben den Engländern, am übelsten von allen Völkern der Welt – da sind sie nachtragend – natürlich ist Israel da noch zu nennen, aber das steht auf einem völlig anderen Blatt und liegt auch nicht in Europa, daher nehme ich das hier völlig aus). Ein Belgier hat in einem Maastrichter Coffeeshop kein Problem damit sein Weed auf Französisch zu bestellen. Aber ein Deutscher, der dasselbe auf Deutsch macht, bekommt je nach Shop nicht 5, sondern nur 4,8 gr. und eine Antwort bzgl. Restgeld oder was er sonst noch will in höflichem, perfektem English (schön distanziert). Bestellt derselbe Deutsche in geradebrechtem Nederlands seine 5 Gramm („fijf grammetjes amnesia, alstublieft“), bekommt er eine freundliche Antwort in gutem Deutsch und locker 5,2 Gramm- von derselben Person. Habe ich mehrfach erlebt (hatte ja auch meine Anfängerfehler) – sie wollen von uns einfach nur Respekt.

Und dieser Respekt (und damit auch die Vermeidung von „Overlast-Diskussionen“) fängt bei einem aufgeklärtem, intelligenten und kulturinteressiertem Touristen an. So wie es ja auch sonst sanften Tourismus gibt. Die Mallorciner hassen sicher auch die Touristen, aber die sind eben weit mehr darauf angewiesen als die Holländer. Zudem haben sie eine völlig andere (traditionell katholische) Kultur.

Die Niederländer sind aber (wie große Teile der USA) Calvinisten. Da ist der Lebensweg vorbezeichnet:

  • sola gratia – allein durch die Gnade Gottes wird der Mensch errettet (nicht wegen seiner eigenen Güte)
  • sola fide – allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (nicht durch gute Werke)

Ich übersetze das mal sehr frei und setze es in heutigen Kontext:

Der, dem durch Gott ein gutes Schicksal zugewiesen wurde, ist per se gut – egal was er macht.

Hast Du Wohneigentum, ein gutes Gehalt und bist ein anerkannter Bürger, dann ist das Gottes Wille. Die Versager, die Penner auf den Straßen, haben es nicht anders verdient – es war so für sie vorgesehen. Das haben die Niederlande mit den USA gemeinsam. Daher ist deren Wohnungsmarkt auch unter aller Sau und als Mieter bist du da echt ne Nullnummer (die Mehrheit hat Wohneigentum – Miete ist dort ein Randphänomen – daher auch schwer dorthin auszuwandern). Nicht kreditwürdig = nicht von Gott gewollt. Natürlich sind auch die Niederlande ein säkularer Staat und es gibt wenige, denen der Ursprung ihrer natürlichen Geisteshaltung so bewusst wäre – aber er ist da und man bekommt ihn im Alltagsleben zu spüren. Heißt nichts anderes als (zugespitzt): „Wer am Boden liegt, auf den darf mein eintreten, denn es ist sein vorbestimmtes Schicksal. Das macht einen asozialen Faktor in der niederländischen Mentalität aus – es gibt auch in ganz Europa nirgends weniger Auffangstellen für Obdachlose als in Amsterdam – das zur Verifikation dieser Aussage. Plakativer: „Never get lost in Netherland without a valid creditcard!“

Die Toleranz hat eine Bedingung. Wer auch am nächsten Tag noch dabei helfen kann, den Deich zu befestigen, der kann in seinem Leben machen, was er will (z.B. kiffen) aber er sollte eben auch noch in der Lage sein, für die Gemeinschaft nützlich zu sein.

Ist das nicht der Fall (kommt er nicht zur Befestigung des Deiches wenn man ihn braucht – übertragen gesehen wenn ihn die Gesellschaft als Arbeitskraft braucht), will ich nicht in dessen Haut stecken, dem werden nämlich dann alle Rechte aberkannt – und das sehr rigoros – viel rigoroser als hier. Vor dem Hintergrund der, für große Teile der für die Niederlanden lebensbedrohlichen Sturmflutkatastrophen ist das sehr verständlich. Da wurden alle Hände gebraucht – und wer nicht mitmachte, der war zum einen verantwortungslos und verzichtbar und zum anderen so gut wie ein Mörder. Also, wer leistungsfähig ist, kann ruhig kiffen – die anderen sind Abschaum/zu nichts zu gebrauchen (da wird das Hoes-Zitat unterfüttert).

Die Niederlande sind eine wahre Volksgemeinschaft in der Rechte zugestanden und Sicherheiten und Freiheiten gewährt werden – nicht so wie hier – wo das alles oft nur noch bürokratische Prozesse sind und niemand mehr patriotisch ist außer beim Fähnchen aufhängen bei der Fußball-WM.

Hilfe – bei Arbeitslosigkeit viel besser als hier 90% vom letzen Gehalt (Zitate zu Hartz IV: „ Kümmert sich Euer Staat denn gar nicht um Euch?“ „Armut wie bei Euch gibt es hier nicht“), Toleranz, aber zum großen Teil auch Pflicht und Druck, die die Vorrausetzung für zugestandene Freiheit/Toleranz sind. Keine Hilfe, keine Freiheit ohne eigene Bemühung und Nutzen/Arbeit für die Gemeinschaft. Vaals z.B. hat es sogar geschafft, den Zuzug von ausländischen Arbeitslosen zu verhindern und gegen den Zuzug von deutschen Studenten (nun wo in Aachen der Wohnraum wg. G8/G9 in einem Abschluss Jahrgang knapp wird und dort Wohnraum für die Studentenschwemme geschaffen werden soll, opponiert die dortige CDA auch dagegen). Eine Parallelgesellschaft wie hier bei großen Teilen der Muslime, wird dort viel weniger geduldet als hier. Ebenso wenig Faulheit auf Kosten der Allgemeinheit. Und das war immer schon so. Das ist nicht neu – nur nun tritt es sichtbarer zutage. Wer denkt er könne ohne min. 1500€ zur freien Verfügung in den Niederlanden leben, sollte das auswandern dorthin gleich völlig begraben. Zudem braucht es Wohneigentum – wenn man kreditwürdig ist und Wohneigentum hat gibt es überall „de Hypotheeker“ der einem dann (wie in den USA) Kredite auf sein Wohneigentum gibt, so dass man den Alltag bewältigen kann – wer das nicht hat ist ein Underdog.

Nicht Integration ist da angesagt, Assimilation ist gefragt. Die Niederlande sind eine große Kolonialmacht, ohne je dafür kritisiert worden zu sein oder ähnliche Schuldgefühle mit sich zu tragen, wie sie uns über die letzten 60 Jahre eingeimpft wurden – wobei Deutschland weit weniger Kolonien hatte. Trotzdem hieß es im Kaiserreich (unter Wilhelm II – übrigens ist die ehemalige deutsche und die aktuelle niederländische Monarchie durchaus durch Blutbande verbunden, sowie auch die englische dazugehört) „Am deutschen Wesen, soll die Welt genesen“. Eine Zäsur wie wir und ein zerrüttetes Selbstbewusstsein wie wir, haben die Niederländer nie erlebt (seit 1945 waren sie ja nur arme Opfer) – und daher auch nicht umdenken müssen. Daher ist das (denn damals haben sie auch nicht anders gedacht als sie Suriname (immer noch in Holland so genannt) und große Teile Afrikas, Asiens und eben Südamerikas unterwarfen und kolonialisierten (gemeinsam mit den Spaniern und Engländern) dort halt niemals so hinterfragt worden wie unsere autoritären Großmachtsphantasien.

Dass sie diese Länder durch Handel ausbeuteten versteht sich von selbst. Buße dafür ist der niederländischen Volksseele aber fremd – wie Calvin schon sagt: Es ist alles vorherbestimmt. Der Gewinner hat es verdient Gewinner zu sein. Für den Verlierer war nichts anderes vorgesehen. Daher kommt die Härte und die Ignoranz, die ich sowohl an den US-Amerikanern wie auch an den Niederländern verabscheue – wobei natürlich dann daraus auch der „American-Dream“ reslutierte: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ – das ist in Holland auch so. Aber wehe dem, der kein Glück dabei hatte… Calvinismus ist eine angelsächsische und eine schweizer Sache – komischerweise die Völker die als Erfolgsmodell für den Kapitalismus, sowie für die Freiheit des Individuums stehen. Holland kommt da als Randgebiet noch dazu.

Wir Touristen benehmen uns oft schlecht, ohne das es uns überhaupt auffällt. Das fängt mit den niedrigen Fenster und dem „Durchwohnen“ wie es eine Architektin (Ex-Freundin von mir) mal nannte an. Die klassisch-niederländische Architektur ist nämlich das sichtbarste Zeichen des Calvinismus: Jeder kann sehen, was für ein gottgefälliges und tugendhaftes Leben ich führe. Daher kann jeder vom Wohnzimmer bis zur Terasse in mein Haus sehen. Wie schon in einem Kommentar erwähnt, war diese Haltung auch vom niederländischen Staat gewünscht, denn bis in die 60er Jahre gab es eine „Gardinensteuer“ (also eine „Strafabgabe, wenn man seine Fenster verhüllte – das lässt tief blicken).

Die Kehrseite dieser Medaille ist es aber, das kein Niederländer beim Vorbeigehen interessiert (wie die Touristen) in solche Privathäuser hineinsehen würde. Das wird ignoriert, das gehört sich nicht – zeugt von schlechter Kinderstube. Das sind Feinheiten. Aber auch das führt zu einer gefühlten „Overlast“. Ich hab mich schon oft für meine Landsleute fremdgeschämt, die sich da verhielten wie in einem Freiluftmuseum, nur weil sie nichts von der Kultur wussten und sie eh nur der nächste Joint interessiert hat – und halt die Wohnungseinrichtung der Leute an dessen Häusern sie auf dem Weg vorbeikamen. Der Punkt ist: Man kann reinsehen – aber man tut es nicht! Da schon fängt die Belästigung an.

Wir fahren zwar nicht nach Myanmar ins tiefste Asien mit einer völlig fremden Kultur, aber nur weil uns die Niederlande auf den ersten Blick so ähnlich scheinen – und auch in vielem sind, liegt die Gefahr darin, ignorant zu sein und die Feinheiten der unterschiedlichen Geschichte und Wurzeln der Kultur überhaupt nicht zu beachten. Das trägt nicht zu einem guten Verhältnis bei – und die Holländer sind da (hinter der geschäftsmännisch-grinsenden Fassade) sehr feinfühlig. Und die subtile Ablehnung bekommt man früher oder später zu spüren. Direkt oder meist eher indirekt – siehe 4,8 Gramm statt 5 und die englische Antwort obwohl sie Deutsch können.

Ich habe mir auch immer gewünscht, dass es anders wäre und Ausländern verzeiht man ja auch eigentlich Fehler aus Unkenntnis. Bei uns Deutschen sieht das aber dort leider anders aus (Ausnahmen bestätigen die Regel). Allerdings wird nach dieser Ausführung der „Abschaum-Ausspruch“ von Hoes evtl. erklärbar und in einen Hintergrund gesetzt. Allerdings natürlich niemals entschuldigt. Ich will hiermit keine Partei ergreifen oder irgend etwas gutheißen – weder die niederländischen Ressentiments – egal woher sie kommen – noch unser Benehmen dort – ich wollte nur Dinge erklären, die vermutlich selbst vielen Niederländern so gar nicht bewusst sind, aber tief in der Volksseele diese Landes und der Menschen dort schlummern, und die die rechten Parteien dort nur deshalb so zu Tage fördern können, weil sie eben tief verborgen schon immer da waren.

Wären alle so behutsam damit umgegangen und hätten sich zuvor informiert, hätten „Drogentouristen“ nie so sehr als Wahlkampfinstrument funktioniert um widerliche Interessen durchzusetzen. Aber die Ressentiments im Volk waren und sind da – sonst hätte man sie nicht so erfolgreich instrumentalisieren können.

Edit: (bearbeitet von Antonio Peri) – dieser Artikel wurde von einem anderen Blogger ins Niederländische übersetzt: http://www.amolsch.com/?p=101#more-101

mobo

"Coffeeshops sind mehr als nur eine schnöde Verkaufsstelle für Cannabis. Sie repräsentieren einen wichtigen Teil der weltweiten Cannabis-Kultur und sind ein Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Besucher. Daher sehe ich sie als schützenswertes Kulturgut an."
mobo aka Stefan Müller wurde 2012 mit der Schaffug von "Kein Wietpas!" erstmalig in der Szene aktiv.
Seit 2014 Headshopbetreiber mit dabbing.de

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