“Das Jenke-Experiment” – Die Meinung des Autoren-Teams

Nicht alles wurde gezeigt - Foto: Monique Hutzezon
Nicht alles wurde gezeigt – Foto: Monique Hutzezon

Gestern gab es wie angekündigt einen inoffiziellen Themenabend zum Thema Cannabis auf RTL. Wir Autoren haben die Sendung gesehen und haben festgestellt, dass unser Fazit doch recht unterschiedlich ausfällt. Aus diesem Grunde machen wir mal einen Sammelbeitrag, wo wir alle unser persönliches Resümee ziehen.

Antonio Peri: Wo waren die Durchschnittskiffer?

Vermutlich leide ich an einem gewissen professionellen Tunnelblick.  Mich selbst hinterließ das „Jenke-Experiment“ und die begleitenden Sendungen am gestrigen Thementag zu Cannabis auf RTL zwiegespalten.

Natürlich hatte ich keine Dokumentation im Stil der Reihe „Gehirn unter Drogen“ von Arte erwartet. Das die Sendung für Aktivisten wie mich keine Neuigkeiten enthalten würde, war klar. Daher war einzig entscheidend, wie die unterschiedlichen Aspekte von Cannabis einem Massenpublikum vermittelt würden.

Eines ist klar, und das bleibt auch positiv festzuhalten:  Die Aufmerksamkeit war gewaltig – sowohl hier bei uns auf „Kein Wietpas!“, als auch in vielen anderen Medien – nicht zuletzt dem Forum von RTL. Das heutige Medienecho ist dann auch positiv, was die Wirksamkeit der Sendung noch einmal verstärkt. Insofern mildert es meine eigene Enttäuschung über die Darstellung etwas ab. Die medizinischen Aspekte wurden wirklich sehr gut dargestellt. Allerdings ließ sich der typische RTL-Stil nicht übersehen. Es wurden Extreme präsentiert. Sowohl das Experiment selbst: Als Nicht-Konsument von „null auf hundert“ 5 Tage „Hardcore-Kiffen“ , lässt einen wohl kaum das echte Wesen einer Substanz erfassen, und bei diesem Konsummuster ist es auch kein Wunder, dass es Jenke von Willmsdorf persönlich nicht zugesagt hat. Aber  auch 18jährige Psychiatrie-Patienten, die zudem noch zig andere Drogen  konsumiert haben, sind einer objektiven Darstellung nicht zuträglich.

Der Trailer kündigte an: „Millionen Deutsche machen es heimlich“. Wo waren die denn in der Sendung? Nicht nur ich habe diese vermisst, auch Georg Wurth vom DHV hält das für die größte Schwachstelle dieses „Experiments“. Zwischen jugendlichen Psychiatrie-Opfern und Cannabis-Patienten, wurde die große Mehrheit der unauffälligen Freizeit- oder Gelegenheitskiffer unterschlagen. Diese haben natürlich auch einen geringen Sensationswert und passen daher wohl nicht in ein solches Format.

Aufmerksamkeit wurde erzeugt. Ob das was bei der Masse der,  vom Thema bislang unbeleckten, TV-Zuschauer davon hängenbleibt nun eher positiv oder negativ ist, dazu fällt mir eine Prognose wirklich schwer. Sehr gefallen hat mir allerdings, wie sich unsere Drogenbeauftragte Frau Mortler selbst desavouiert hat.

mobo: Wichtiger Anstoß zur Diskussion

Man sollte eins nie vergessen: RTL ist Boulevard. Und “Das Jenke-Experiment” ist ein Boulevard-Format. Wer hier eine Komplexität wie bei einem ARTE-Themenabend erwartet, muss zwangsläufig enttäuscht werden. Boulevard spricht eine gewisse Zuschauerschar an, und wenn man die mit ausgewogenen Fakten und tiefgreifender Recherche konfrontiert machen die Zuschauer genau eins: Abschalten! Das das nicht das Ziel eines Privatsenders ist sollte wohl jedem klar sein. Also muss RTL auch bei seinen eigenen Spielregeln mitmachen. Innerhalb dieser Spielregeln kann man jedoch die Zuschauer in die unterschiedlichsten Richtungen bewegen. Und die Richtung, die das Jenke-Experiment vorgegeben hat, war meiner Meinung nach nicht negativ.

Natürlich kommt man nicht daran vorbei, die negativen Aspekte zu beleuchten. Dazu wurde ein Dauerkonsument genommen, der viele Klischees bedient und sie auch offen (mit dramatisch verzerrter Stimme) ausspricht. Ja, das war wohl ein wenig too much, aber wir Hanf-Befürworter klammern die negativen Aspekte gerne mal aus. Wegleugnen kann man diese Leute nicht, denn es gibt sie. Doch RTL hat explizit erwähnt, dass solche Fälle eigentlich nur auftreten, wenn mit dem Kiffen zu früh zu intensiv begonnen wird. Letztendlich spielt das auch der Legalisierungsbewegung zu, die ja immer vehement einen Jugendschutz fordert, der auf einem Schwarzmarkt nicht möglich ist.

Aus Niederländischer Sicht haben sie alles richtig gemacht. Bei wohl keinem anderen Gastgeber hätte das Experiment besser stattfinden können als bei Nol. Er hat dort selbst ein paar sehr schöne Zitate gemacht und dürfte wohl für viele eine große Sympathie erzeugt haben. RTL/Jenke hat stets die Vorteile der niederländischen Drogenpolitik hervorgehoben und die Nachteile ausgeklammert. In einer Sendung, die sich nicht ausschließlich mit Holland auseinander setzt, vollkommen legitim.

Das Highlight war meiner Meinung aber definitiv der medizinische Teil, auch dank Lars Scheimann, der seine Problematik sehr schön beschrieben hat. Der Beitrag geht über das übliche: “Kranke können sich ja Cannabis vom Arzt verschreiben lassen” hinaus und zeigt, dass auf Gesetzgeberseite dringend Handlungsbedarf besteht. Ich behaupte mal, dass diese Problematik der durchschnittliche RTL-Zuschauer zuvor nicht einmal im Ansatz kannte.

Jenke selbst hat für sich entschieden, dass Cannabis nichts für ihn ist. Das muss man einfach akzeptieren. Trotzdem hat er sich durch sein Experiment zu einem Legalisierungsbefürworter gewandelt. Dies hat er nicht nur am Ende des Experiments gesagt, sondern auch am Ende jedes einzelnen Berichtes im Laufe des Tages. Somit dürfte das das eindeutige Fazit sein: Legalisierung ist der einzige vernünftige Weg, selbst wenn man kein Konsument ist.

Und das ist doch letztendlich genau das, was wir alle wollen: Dass die Nicht-Konsumenten einsehen, wohin die Reise gehen soll. Und zu dieser Meinungsbildung hat die Sendung eindeutig beigetragen.

Eli: Schlechter Sensationsjournalismus

Zunächst: Es war richtig mit RTL zusammenzuarbeiten. Letztlich aber hat diese Sendung der Legalisierung von Cannabis nicht geholfen. Dazu war die Grundtendenz, gerade am Anfang, einfach zu negativ, die Darstellung zu oberflächlich und vor allem wieder viel zu sehr auf den alten Klischees draufrumreitend.

Außerdem ist dieses Format Sendung völlig ungeeignet, um überhaupt irgendeine Thematik auch nur ein kleines Stück seriös zu behandeln. Im Laufe der Sendung ist dem Jenke wohl auch aufgegangen, dass so ein “Experiment”, sich fünf Tage mit Cannabis zuzudröhnen, überhaupt keinen außergewöhlichen Effekt hat, so dass er dann versucht hat, einer Klamauksendung noch einen “politischen” Anstrich zu geben.

Diese Tatsache verweist darauf, dass Jenke von der Thematik anscheinend überhaupt keine Ahnung hatte und völlig unvorbereitet in die Produktion ging. Schon aus diesem Grund möchte ich diese Sendung nicht ernst nehmen. Ein bischen Vorbereitung auf die Coffeeshopkultur hätte man doch wohl erwarten dürfen! Im Shop wirkte er völlig deplatziert. Wie ein Elefant im Porzelanladen.

Ich muss ehrlich zugeben, ich habe diese Sendung bereits nach einer halben Stunde ausgemacht. Diese Selbstdarstellung hatte für mich überhaupt nichts mit einer ernsten Sache wie der Legalisierung von Cannabis zutun. Hinzu kommt, dass von Anfang an ein negativer Unterton die Sendung durchzog. Das fing schon mit dem depressiven Patienten an, der von dem das Gesicht rausgeschnitten wurde. Sowas gleich zu Anfang! Eine Sache, wo vielleciht eine Person von einer Million betroffen ist! Tut mir leid Leute, das ist mieseste Propaganda! Ich hätte schon zu diesem Zeitpunkt ausschalten sollen.

Für mich gibt es dennoch zwei kleine positive Dinge: Erstens habe ich mal wieder Nol van Schaik gesehen, der sehr sympathisch rüberkam und der mit leid tat, sich mit so einem Typen wie dem Jenke abgeben zu müssen. Hochachtung, wie ruhig er geblieben ist. Ehrlich, ich hätte diesen Typen schon nach dem ersten Lachkick rausgeschmissen! Und zwar mit einem fetten Arschtritt dazu! Zweitens habe ich zum ersten Mal gesehen, wie es ist, an einem Vaporizer zu ziehen und dass da ja überhaupt kein Rauch rauskommt. Sehr witzig.

Steve: Infotainment vom Feinsten

RTL bringt eine Sendung übers Kiffen. Ist das jetzt Infotainment oder Sensationsjournalismus? Wie ist das Jenke Experiment denn nun einzuordnen? Ich muss sagen, ich fand es gar nicht schlecht. Das Format der Sendung kannte ich vorher nur von der Alkoholfolge, also war die Spannung doch groß, wie RTL dieses Thema umsetzen würde. Und es war auch so, wie ich es erwartet hatte. Man kann natürlich sagen, dass es sensationslüstern ist und deshalb nur Extremfälle auftauchen. Auch ist es sehr zweifelhaft, ob man nach ein paar Tagen Dauerkiffen ein fundiertes Urteil zum Thema abgeben kann. Auf der anderen Seite stellt sich natürlich die Frage, wie man die Sendung anders hätte gestalten können.

RTL ist ein Wirtschaftsunternehmen, was bedeutet, dass bei einer solchen Sendung der Erfolg an der Quote gemessen wird. Wir sind hier eben nicht bei Arte, 3Sat oder einem der anderen Sender, welche angeblich alle sehen, die aber trotzdem selten viele Zuschauer ziehen. RTL wird häufig gesehen, also erreicht die Sendung einen großen Zuschauerkreis. Als die Millionärswahl lief, war das eines der beliebten Argumente um an einem solchen Format teilzunehmen, lange bevor der DHV Chancen hatte die Million zu gewinnen. Wenn man dieses Argument betrachtet, so war es bestimmt ein Erfolg.
War es Sensationsjournalismus, den RTL hier betrieb? Natürlich war es das, aber ist das wirklich verwerflich? Welcher normale Zuschauer hätte Interesse an einer Sendung gehabt, in der normale Konsumenten gezeigt werden. Herr X kifft seit 30 Jahren und ist trotzdem in seinem Leben erfolgreich. Wäre das besser gewesen? Wer hätte sich denn so etwas länger als einige Minuten angeschaut. Wenn man möchte, dass die Sendung angesehen wird, dann muss man auch in gewisser Form auf die Kacke hauen. Der normale Kundenkreis von RTL ist so etwas aus den anderen Sendungen gewöhnt, weswegen es doch klar ist, dass da nicht auf einmal eine ausgewogene Bildungssendung platziert wird.
Für jemanden, der so wie es aussieht, mit Cannabis sonst nichts zu tun hat, fand ich Jenkes Umgang mit dem Thema eigentlich recht ausgewogen. Natürlich ist es seltsam anzusehen, wenn man für einige Tage bei Nol über den Coffeeshop zieht und dann ein Marathonkiffen durchzieht. Aber das ist nun mal der Kern dieses Sendeformats.
Hätte man es auch anders machen können? Natürlich, es gibt eine Menge Dokumentationen zum Thema, die einem höheren Standard genügen. Aber werden die auch von Leuten angesehen, welche eigentlich keine Berührungspunkte mit Cannabis haben? In meinem Bekanntenkreis kenne ich da niemanden auf den das zutrifft. Es stellt sich also die Frage, was möchten wir: Dokumentationen welche einem wissenschaftlichen Standard genügen und kaum angeschaut werden oder Sendungen, die das ganze wie Jenke präsentieren und damit zumindest für die Möglichkeit einer Diskussion sorgen. Mal ehrlich, welchen normalen Zuschauer interessiert die genaue Zusammensetzung von Cannabis oder das Endocannabinoidsystem. Wir müssen nun mal damit leben, dass der Weg zur Legalisierung auch mit den RTL, Pro7 und Sat1 Zuschauern gegangen werden muss. Fakt ist, dass wir eine Minderheit sind und eine Mehrheit überzeugen müssen. Dazu muss das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Wer glaubt, dies gehe nur mit viel Information, der liegt hier schlicht falsch.

 

mobo

"Coffeeshops sind mehr als nur eine schnöde Verkaufsstelle für Cannabis. Sie repräsentieren einen wichtigen Teil der weltweiten Cannabis-Kultur und sind ein Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Besucher. Daher sehe ich sie als schützenswertes Kulturgut an."
mobo aka Stefan Müller wurde 2012 mit der Schaffug von "Kein Wietpas!" erstmalig in der Szene aktiv.
Seit 2014 Headshopbetreiber mit dabbing.de

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