Gastbeitrag: Warum die Gefährdung der Volksgesundheit ein Märchen ist

deutschevolksgsundheitMal wieder ein Gastbeitrag! Unser Leser “Pseicoman” hat seinen zweiten Text für uns geschrieben (hier die Nummer 1)! Vielen Dank dafür!

Die Wissenschaftstheorie verweist immer wieder gerne darauf, dass einmal aufgestellte Hypothesen nie ganz verschwinden. Selbst wenn es hieb- und stichfeste Belege gibt, dass die These falsch ist, bleibt sie in den Köpfen irgendwelcher Menschen bestehen. So ist es auch mit der Annahme “Cannabis gefährdet die Volksgesundheit”.

Richtig ist, dass Cannabis seit über 50 Jahren gesetzlich geächtet wird. Noch heute basiert die Gesetzgebung vieler Länder im Kern auf einer Liste von Stoffen, die vielleicht auch durch ihr Alter den Nimbus der absoluten Richtigkeit besitzt. Auch vor fünfzig Jahren ging es bei der Definition der Stoffe um die Volksgesundheit. Erstaunlich ist nur, dass damals überhaupt keine Datenlage über Cannabiskonsum und dessen Auswirkung bestand. Parallel sind Medikamente zugelassen worden, die Behinderungen mit dem Name eines pharmazeutischen Mittels erschufen und harte Fakten (und damit messbare Daten) hinterließen.

Eigenartigerweise wird in der Begründung für eine ernsthafte Gefährdung der Volksgesundheit durch Cannabis eher immer eine indirekte Wirkung konstatiert. In den 70er war Cannabis gefährlich, weil man sonst mit Heroin in Kontakt kommen könnte. Heute ist es gefährlich, weil man es mit Tabak, der übrigens legal ist, mischen könnte. Fragt man stattdessen nach der tatsächlich realen direkten Gefährdung durch Cannabiskonsum selbst, wird die Datenlage sehr dünn. Unbestritten, Cannabiskonsum in jungen Jahren kann Entwicklungsstörungen begünstigen, dies gilt aber für sehr viele Stoffe (z.B. der extreme Anstieg von Koffeinhaltigen Getränken). Daher ist Jugendschutz absolut wichtig, daher gibt es Gaststätten und daher sollte es auch Coffeeshops geben.

Betrachtet man dagegen die Befunde zum Konsum im Erwachsenenalter wird die These der Gefährdung der Volksgesundheit sehr wackelig. Und besonders erstaunlich ist, dass der menschliche Körper eigene Rezeptoren für Cannaboide hat. Ganz im Gegensatz zu Heroinrezeptoren oder Rezeptoren für das immer weiter verbreitete Ritalin. Wieso soll ein Stoff a priori die Volksgesundheit schädigen, für den unser Körper Rezeptoren entwickelt hat? Über Konsumformen, Zusammensetzung, Züchtungen, darüber sollte man endlich unter natürlichen Bedingungen forschen, um unserer Natur gerecht werden zu können. Doch mir scheint, dass eine kollektive “Cannabiphobie” einen solchen Paradigmenwechsel verhindert.

Denn jede Studie, die auf der Basis eines bereits seit Generationen verbotenen Stoffs basiert, hat nicht die Chance mit Wirkstudien zu neuen und damit noch nicht illegalen Medikaments mitzuhalten. Daher wird die Mär von der Gefährdung der Volksgesundheit durch die Pflanze weiter verbreitet. Eine Geschichte, die viele Medikamente und Therapien sponsort und die Cannabiphobie am Leben hält. Jeder Wissenschaftler wird sich zweimal überlegen, ob er überhaupt zu einem solchen illegalen Thema neutral forschen soll, wer will schon in der “Schmuddelecke” landen. Sollte die Gefährdung der Volksgesundheit auf der Basis von handfesten Belegen widerlegt werden, muss man doch fürchten, dass die lieben Kollegen mit “schlüpfrigen” Unterton vermuten, dass man ja nur die eigene Sucht legitimieren möchte. Dann forscht man doch lieber für die Pharmaindustrie.

Sehr geehrter Herr Opstelten, sehr geehrte EU-Kommissare,

ich respektiere die aktuell bestehende Gesetze zu Cannabis in den Niederlanden und anderen europäischen Ländern. Doch ich verbitte mir, als Begründung einer Verschärfung der Verfolgung der Produktion und des Konsums das Argument anzuführen, dass damit die Volksgesundheit geschützt und verbessert werden würde. Tatsache ist, dass viele Jahrzehnte einer liberalen Handhabung des Themas Cannabis keineswegs zu einem kontinuierlichen Anstieg des prozentualen Anteils der Langzeitkonsumenten in der Bevölkerung führte. Im Gegenteil, der Anteil der Langzeitkonsumenten in der Bevölkerung in ganz Europa ist relativ stabil, Tendenz eher fallend. Viele Menschen vertragen Cannabis nicht gut, da sie einfach weniger Cannaboidrezeptoren besitzen und auch andere Persönlichkeitsstrukturen entwickeln. Doch diese Personen hören nach einmaligen Kontakt direkt auf.

Anders wie bei neueren chemischen Drogen, muss der Cannabisrausch gelernt werden, erfordert psychische Eigenleistung. Das tun nur Menschen im Erwachsenenalter, die aufgrund ihrer physischen Konstellation besonders positiv reagieren. Ängstliche Menschen dagegen meiden Cannabis eher, da dessen Wirkung eben sehr von der psychischen Eigenleistung abhängt, die einer mitbringt, dabei wird positives ebenso verstärkt wie negatives. In dem Sinn kann man feststellen, dass es eine Minderheit von Menschen gibt, die eine spezifische neurophysiologische Konstellation mit mehr Cannaboidrezeptoren besitzt und dadurch auch eine spezielle Persönlichkeitsstruktur entwickelt. Diese Menschen haben eine Gleichbehandlung, Entkriminalisierung und Entpathologisierung verdient. So wie man ja auch heute Epileptiker mit einer ganz speziellen neurophysiologischen Struktur nicht mehr in geschlossene Abteilungen einsperrt.

Sehr geehrte Volksvertreter,

auch ich bin der Meinung das Gewerbetreibende und Produzierende ihren Strom, ihre Steuern bezahlen und Qualität gewährleisten sollen. Niemand soll “schwarz” mit Cannabis oder Hasch Handel treiben, schon gar nicht mit qualitativ minderwertigen Produkten (daher ist ja auch Schwarzbrennerei verboten, die oft genug schon Menschen erblinden ließ). Dafür fordere ich hartes Durchgreifen. Doch die Pflanze Cannabis unter legalen Bedingungen ist nicht gesundheitsgefährdend. Es gibt durchaus bekannte Beispiele langlebiger Cannabiskonsumenten. Daher will ich als Mensch, der zu ca. 10% der Menschheit mit einer hohen Anzahl von Cannaboidrezeptoren gehört, nicht länger diskriminiert werden. In 30 Jahren war ich nicht einmal krank, habe viele und regelmäßig meine Steuern bezahlt, habe weder in den Niederlanden noch sonst wo falsch geparkt, herumgeschrien oder sonst etwas Auffälliges getan. Und vor allen Dingen sage ich nichts gegen brüllende alkoholisierte Männerhorden, betreibe auch keine Lynchjustiz bei all den Gewalttaten, die im alkoholisierten Zustand begangen wurden und verdamme auch keine Politiker, die im Alkoholrausch ihre Frau betrogen haben.

Verbieten Sie Cannabis aus ideologischen Gründen oder einfach weil Sie die Macht haben! Verbieten Sie Cannabis, weil Sie die Persönlichkeitsstruktur von Cannabislangzeitkonsumenten verachten, fürchten oder diskriminieren wollen. Aber behaupten Sie bitte nicht mehr, dass die Kriminalisierung und Prohibition von Cannabis der Volksgesundheit dient. Mir ist klar, dass die Persönlichkeitsstruktur, insbesondere der cannabiskonsumierenden Männer von der Mehrheit abweicht. Doch diese Minderheit ist keineswegs weniger leistungsfähig oder gesund als die alkophile Mehrheit. Wenn Sie weiterhin behaupten wollen, dass Cannabis die Volksgesundheit gefährdet, dann verlange ich eine Evidenzbasierung. Vergleichen Sie die Arbeitsleistung, die Anzahl von Krankenscheinen und auch Gewalttaten bei Langzeitkonsumenten (Beginn im Erwachsenenalter) Cannabis mit denen von unauffällig, aber intensiv konsumierenden Alkoholkonsumenten. Dabei hoffe ich, dass Sie selbst oder ihre Freunde und Bekannte niemals einen Tag bei der Arbeit gefehlt haben mit der Begründung, dass sie wegen der Feier gestern Abend einen “dicken Kopf” hatten. Denn das wäre nicht nur ein handfester Beleg für eine Gefährdung der Volksgesundheit, sondern wäre sogar Diebstahl an den sozialen Sicherungssystemen, in die eine cannabiphile Minderheit eventuell sogar mehr einbezahlt wie die alkophilen Leistungsempfänger.

Sollten Sie eine solche Klärung nicht wünschen, dann erhärtet das eine neue These, die nicht bewiesen ist: Vergleichbar der Homophobie gibt es eine Cannabiphobie. Männer mit bestimmten Persönlichkeitsstrukturen weichen zuviel von der Mehrheit ab und müssen bestraft werden. Wenn Sie also das nächste mal bei einer kleinen Weihnachtsfeier einen Schwips haben und ein wenig laut werden sollten, dann denken Sie daran, dass Sie gerade in diesem Augenblick die Volksgesundheit belasten und gleichzeitig die Minderheit der Langzeit-Cannabiskonsumenten diskriminieren, die solche Auffälligkeiten nicht zeigt.

Meine Mutter hat mich mit dem Slogon erzogen, “gleiches Recht für Alle!”, aber die ist ja auch nur eine Frau!

mobo

"Coffeeshops sind mehr als nur eine schnöde Verkaufsstelle für Cannabis. Sie repräsentieren einen wichtigen Teil der weltweiten Cannabis-Kultur und sind ein Ort der Begegnung und des kulturellen Austausches, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Religion der Besucher. Daher sehe ich sie als schützenswertes Kulturgut an."
mobo aka Stefan Müller wurde 2012 mit der Schaffug von "Kein Wietpas!" erstmalig in der Szene aktiv.
Seit 2014 Headshopbetreiber mit dabbing.de

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