Gute Zeiten, schlechte Zeiten für Patienten

Dass die Niederlande kein homogenes Land ist, wenn es um den Umgang mit Cannabis geht, dürfte wohl bekannt sein. In der einen Stadt kommt jeder in die Coffeeshops rein, in der nächsten Ausländer nur zum Kaufen, nicht aber zum Sitzen und in der dritten heisst es dann “Ausländer werden hier nicht bedient”.

Aber auch beim Thema Cannabis als Medizin gibt es große Unterschiede, je nachdem in welcher Stadt man wohnt. Dies belegen zwei spektakuläre Fälle der letzten Tage.

Gute Zeiten

Bürgermeister Peter Noordanus
Bürgermeister Peter Noordanus

Zum einen in Tilburg: Bürgermeister Peter Noordanus (PvdA) gilt eigentlich als Hardliner beim Thema Cannabis. Er ist strikter Verfechter des I-Kriteriums (trotz Ausnahmen). Spötter sagen, das liegt am Anus in seinem Namen… Trotzdem hat er jetzt in Abstimmung mit der Gemeinde, der Polizei und dem Ministerium für öffentliche Angelegenheiten einen Leitfaden veröffentlicht, der die Regularien angibt, wie ein niederländischer Cannabispatient in Zukunft straffrei Cannabis anbauen darf:

  • Maximal 5 Pflanzen unter mit einer Höhe von weniger als drei Metern
  • Eine aktuelle Bescheinigung der Krankenkasse, dass es sich um einen Cannabispatienten handelt (max. 5 Jahre alt)
  • die Elektrik muss den Sicherheitsstandards entsprechen, es müssen Brandschutzmaßnahmen getroffen sein und der Strom darf nicht illegal sein
  • Es gilt ein Mindestalter von 18 Jahren
  • das produzierte Cannabis ist ausschließlich für den Eigenbedarf bestimmt und darf nicht weitergegeben werden

Diese Regeln dürften vertretbar und nachvollziehbar sein. Hierzulande dürfen wir von sowas nur träumen.

Schlechte Zeiten

In einem Albtraum hingegen befindet sich derzeit Jean-Paul ‘t Gilde. Der Mann aus Middelburg (Zeeland) ist an MS erkrankt und behandelt dies mit Cannabis. Im Rahmen einer Hausdurchsuchung, die aufgrund einer anonymen Anzeige wegen “Overlast” durchgeführt wurde fand die Polizei in seinem Gartenschuppen insgesamt 364g “Cannabis”, drei Pflanzkübel mit Cannabispflanzen, mehrere große Klemmverschlusstüten und eine Waage. Grund genug, ihn des Handelstreiben zu bezichtigen und anzuklagen.

Jean-Paul ‘t Gilde vor seinem versiegelten Haus (via @annetschut, twitter)
Jean-Paul ‘t Gilde vor seinem versiegelten Haus (via @annetschut, twitter)

In einem Interview bekräftigt  ‘t Gilde, dass es sich bei dem “Cannabis” um alte Blätter handele, die er gesammelt hat, um sich damit Tee zu kochen, diese aber verschimmelten und er sie daher in den Schuppen verstaut und schließlich vergessen hat.

So werden Häuser markiert, die von einer Gemeinde geschlossen werden
So werden Häuser markiert, die von einer Gemeinde geschlossen werden

Die Tüten habe er zum einem zum Aufsammeln von Hundekot beim Gassigehen mit seinem Hund verwendet, zum anderen zur Aufbewahrung von Tattoo-Zubehör.

Die Waage sei lediglich Haushaltsbedarf, und die drei Pflanzen seien lediglich wenige cm groß gewesen und dürften alleine im Rahmen der niederländischen Duldung kein Problem sein.

Middelburgs Bürgermeister Harald Bergmann (VVD) war dies jedoch egal und ordnete einer der höchsten Sanktionen an, die sein Amt in so einem Fall ermöglicht: “Drugspand gesloten”, also die Anordnung, dass der Ort des Geschehens, das Wohnhaus des Schuldigen, für den Zeitraum von drei Monaten nicht betreten werden darf.

Bürgermeister Bergmann
Bürgermeister Bergmann

Mit anderen Worten: Der Mann wird auf die Strasse gesetzt! Ein Strafmaß, dass unabhängig von der begangenen Strafe in unseren Augen undenkbar, aber in den Niederlanden ein immer häufiger angewendetes Mittel der Abschreckung ist.

Dies wurde jetzt auch durchgeführt und  ‘t Gilde muss vorerst in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz leben.

Dazu muss man nicht viel sagen, oder?

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