Ein Blick hinter die Achterdeur

Wenn man so im Internet recherchiert, stößt man immer wieder auf Meldungen, die verdammt nah an dem berühmten Sack Reis in China sind. Jedes Mal, wenn ich für einen Blogpost die neuesten Nachrichten durchgehe, ist so was dazwischen. Viele sind mal gerade ein Satz in irgendeinem Lokalblatt. Meistens nicht geeignet, um etwas draus zu machen.

Was aber wenn es viele Säcke werden, die umfallen? In diesem Fall ist es eine Meldung über eine kleine Hanfplantage eines armen Homegrowers, die entdeckt, geräumt und vernichtet wird. Das wäre normalerweise auch nichts besonderes, wenn es nicht so wäre, dass fast jede Woche so etwas irgendwo zu finden ist.

Die Menge dieser Plantagen verursacht auch durchaus Probleme in den Gemeinden. 2012 wurden 5700 dieser Cannabisplantagen entdeckt und es wurden 1,3 Millionen Pflanzen vernichtet. Für Heerlen ist es zum Beispiel einer der Gründe, die Produktion von Gemeindewiet zu prüfen. Diese illegalen Zuchträume führen häufig zu Bränden, durch die unsachgemäße Verlegung der Elektroinstallation. Im Juni wurde in Heerlen ein großer Zuchtraum über einem Kindergarten gefunden. Ebenfalls mangelhaft verkabelt, und somit eine Gefahr für Leib und Leben.

Eine der großen Wohnungsgesellschaften hat schon bekannt gegeben, dass sie Probleme mit den in ihren Räumen betriebenen Zuchtanlagen hat. Es sind zu viele und sie verursachen Schäden.

Die niederländische Polizei sucht mit großem Aufwand nach diesen Plantagen. Das führt natürlich zu einem Verdrängungseffekt. Die großen Zuchtanlagen werden in den Niederlanden immer risikoreicher, weswegen die Züchter auf das europäische Ausland ausweichen. Beliebt sind hier Spanien, Frankreich, Belgien und auch im deutschen Grenzgebiet finden sich immer mehr große Cannabisplantagen. Meistens unter Mitwirkung eines Niederländers. Der Handelsweg verläuft also teilweise so, dass das Weed von Deutschland in den Coffeeshop gebracht wird, und da von deutschen Kunden (sofern sie Zutritt haben) wieder reimportiert wird.

Und wie reagiert die niederländische Regierung? Ivo Opstelten denkt natürlich nicht daran, eine praktische Lösung wie Gemeindeanbau oder legalisierte Anzucht für Coffeeshops in Betracht zu ziehen. Stattdessen kommt er mit einem Gesetzesentwurf, der eine Verschärfung bei der Verfolgung der Züchter bedeutet. Es ist danach nicht mehr nur der Anbau des Cannabis strafbar, auch der Verkauf der dafür benötigten Materialien und die Durchführung von Installationsarbeiten können verfolgt werden. Das bedeutet, dass ein Growshopbesitzer demnächst immer mit einem Bein im Knast steht, wenn er einem Kunden etwas verkauft und der dann erwischt wird. Auch ein befreundeter Elektriker, der aus reiner Nächstenliebe die Leitungen legt, kann dann belangt werden.

Auf die Frage der PvdA, ob es nicht sinnvoller wäre, die heutige Duldung auf die Anzucht von Cannabis auszuweiten, reagiert er mit dem Hinweis, dass internationale Verträge dies unmöglich machen. Ein altbekanntes Argument des Justizministers. Seiner Ansicht nach halten die illegalen Züchter ein kriminelles Umfeld am Leben. Außerdem sieht er den Genuss von Cannabis als schädlich für die Volksgesundheit an. Dieses Argument begründet er interessanterweise damit, dass 95% der Konsumenten Cannabis mit Tabak mischen, was für die Lungen schädlicher sei, als der Konsum von purem Tabak. Offensichtlich ist die Erfindung des Vaporizers am Justizminister vorbeigegangen.

Des weiteren begründet er sein Vorgehen mit den Erfahrungen aus den 70er Jahren, als angesichts einer immer größeren Menge an importiertem Heroin, das Opiumgesetz 1983 um den Artikel 10a erweitert wurde, der vorbereitende Maßnahmen hierzu unter Strafe stellt. Der jetzt geplante Artikel 11a soll auf die gleiche Weise den Cannabisanbau bekämpfen.

Lt. Opstelten sind die Growshops der Niederlande am gesamten europäischen Anbau beteiligt. Dabei stützt er sich auf Untersuchungen wie den Bericht der Kommission van der Donk. Diese, nach dem leitenden CDA Politiker Wim van der Donk benannte Kommission, hatte auch die Empfehlung für das B- und I-Kriterium der Coffeeshops ausgesprochen.

Wenn diese Regelung durchkommt, dann bedeutet dass eine weitere Verschärfung an einem anderen Ende der Produktionskette. Obwohl es die ja offiziell nicht gibt, denn in den Niederlanden erscheint Cannabis ja immer ganz plötzlich aus dem Nichts an der Hintertür. It’s a kind of magic.

Steve Thunderhead

Steve Thunderhead

Ich lebe seit mehr als vierzig Jahren an der niederländischen Grenze. Die Entwicklung der niederländischen Cannabispolitik verfolge ich seit den achtziger Jahren, als ich zum ersten Mal einen Coffeeshop besucht habe. Die langsame Veränderung von einer pragmatischen und toleranten Politik zu immer repressiveren Regelungen kenne ich deswegen aus eigener Erfahrung. Ich freue mich als Autor auf Kein Wietpas! mitarbeiten zu dürfen, weil ich nach all den Jahren meinen Anteil zu einem erneuten Wandel dieser Politik beitragen will.
Steve Thunderhead