Stromanbieter will Plantagen aufspüren

Der niederländische Stromnetzbetreiber Stedin hat entdeckt, dass illegale Hanfplantagen überall im Stromnetz zu erkennen sind. „Wir bemerken, dass Kriminelle immer innovativer werden beim Verstecken von Hanfplantagen“ sagt der Verantwortliche für die Betrugsbekämpfung bei Stedin, Dave de Wit. „Durch neue digitale Techniken in unserem Energienetzwerk, erwarten wir im Jahr 2016 neue Fortschritte zu machen in der Bekämpfung von Energiebetrug“.
Illegale Cannabiszucht ist in den Niederlanden ein großes Problem. Die Anzahl der entdeckten Plantagen liegt immer noch sehr hoch. Im Jahr 2015 wurden landesweit 4500 Hanfplantagen entdeckt. Die beim Betrieb dieser Anlagen gestohlene elektrische Energie wird mit 139 Mio. KWh angegeben und liegt damit etwas niedriger als im Jahr 2014 (147 Mio. KWh). Da die Zahl der entdeckten Hanfplantagen seit Jahren zwischen 4500 und 5000 pro Jahr liegt, scheint sich hier wohl die Umrüstung auf neue energiesparende Technik bemerkbar zu machen.
Es ist wohl hier unnötig zu erklären, warum so viele illegale Hanfplantagen in den Niederlanden existieren. Natürlich ist der Grund die verfehlte Achterdeurpolitik, die es nicht erlaubt, Cannabis legal zu produzieren und einzukaufen. Jeder, der in einem Coffeshop Gras kauft, erwirbt ein Produkt, dass in der Illegalität gereift ist. Das Wunder tritt erst ein, wenn das Gras im Coffeeshop ist, da es hier auf einmal zu einem legalen Produkt wird, was letztlich ja für eine Besteuerung unabdingbar ist. Eine doch sehr obskure Verwandlung, die Nol van Schaik einmal sehr treffend mit ‘staatlicher Geldwäsche’ beschrieb.
Solange die Gesetze also so sind, wie sie sind, wird sich an dem Zustand wohl wenig ändern. Die niederländische Polizei, die Gemeinden und die Stromunternehmen haben großes Interesse daran, diese Plantagen aufzuspüren. Allerdings meist aus unterschiedlichen Beweggründen. Während für Polizei und Gemeinden die öffentliche Sicherheit im Vordergrund steht, bedeuteten die illegalen Cannabiszüchter für die Unternehmen einen wirtschaftlichen Schaden, der nicht zu vernachlässigen ist und natürlich dann irgendwie auf die anderen Kunden umgelegt werden muss.

Smartmeter - von EVB Energie AG (CC BY-SA 3.0)
Smartmeter – von EVB Energie AG (CC BY-SA 3.0)
Letztlich werden es wirtschaftliche Gründe sein, die bei Stedin zu Forschungen in diesem Bereich geführt haben. Das man nun erklärt, man könne illegale Hanfplantagen sozusagen an einem ‘Fingerabdruck’ im Stromnetz erkennen, lässt natürlich jeden Hobbygrower aufhorchen. Nehmen wir das zum Anlass, um mal ein wenig zu spekulieren, was sich die Entwickler da wohl ausgedacht haben.
Zunächst einmal brauchen wir dafür ein modernes Stromnetz. Die Entwicklung basiert nämlich auf dem Einbau der modernen ‘Smartmeter’ genannten Stromzähler. Die Niederlande gehören hier zu 16 EU-Mitgliedstaaten, die sich für eine Durchdringung von 80%, bis zum Jahr 2020, dieser intelligenten Stromzähler entschieden haben. Somit steht Stedin ein hochmodernes Netz zu Verfügung, in dem man natürlich auch jede Menge Daten abfragen kann.
Ein solches, auch als ‘Smart Grid’ bezeichnetes, Stromnetz, besteht aus Stromzählern, welche vom Energiebetreiber abgefragt werden können. Die Regelungen bezüglich des Datenschutzes sind in den Niederlanden ebenso wie hier gesetzlich geregelt. Danach dürfen die Verbrauchsdaten

  • Einmal pro Jahr für die Jahresabrechnung
  • Sechsmal für die zweimonatlichen Energieübersichten
  • Beim Umzug
  • Bei Wechsel des Energieversorgers
  • Wenn der Netzbetreiber notwendige Messungen am Energienetz ausführt

abgefragt werden.
Der letzte Punkt dürfte die rechtliche Grundlage sein, auf der die Messungen durchgeführt werden. In den Niederlanden ist es nicht erlaubt, ohne Zustimmung des Kunden, herauszufinden, welche Geräte an dem Anschluss betrieben werden. Hier ist die rechtliche Möglichkeit also etwas eingeschränkt. Da es sich hier aber um eine Messung im Interesse der öffentlichen Sicherheit handelt, wird man wahrscheinlich das höhere Rechtsgut bevorzugen.
Grundsätzlich ist also nicht alles rechtlich möglich, was technisch machbar wäre. Nun ist es jedoch so, dass das Vertrauen in die Rechtmäßigkeit der Aktionen eines großen Unternehmens in der normalen Bevölkerung nicht ohne Grund doch recht begrenzt ist. Lassen wir also diese Einschränkungen einmal beiseite und betrachten einmal die technische Seite.
Das was das Unternehmen sucht, sind illegale Anschlüsse am Stromnetz. Gehen wir davon aus, dass überall im Netz Messstellen sind, welche den aktuellen Stromfluss messen, so lässt sich dass recht einfach bei einer der zweimonatigen Energieübersichten erkennen, denn die Menge des Stroms, welcher in das Netz hineinfließt, muss der Summe aller Ströme in den Haushalten entsprechen. Eine grundsätzliche Regel der Elektrotechnik welche man im ersten Lehrjahr als 1. Kirchhoffsche Regel kennenlernt.
Das bedeutet also, dass die Summe aller gemessenen Energie in einem Netzsegment dem entsprechen muss, was in dieses Netzsegment hineinfließt. Gibt es hier eine Differenz, so wird Strom aus dem Netz entnommen ohne dass ein Zähler dazwischenliegt.
Das ist jetzt keine neue Erkenntnis. Das kann man auch ohne Smartmeter erkennen wenn die Buchhaltung des Energieversorgers die Abrechnung macht. Allerdings weiß man nun nur das illegal entnommen wird aber nicht wo und was.
Das ändert sich in einem SmartGrid, denn hier kann man recht schnell den Zweig erkennen, in dem der Strom verschwindet. Auf dieser Basis kann man nun weitere Messungen anstellen.

Stromverbrauchsdiagramm
Stromverbrauchsdiagramm
Zunächst mal stellt sich die Frage, ob wirklich eine illegale Plantage dahintersteckt, oder ob es sich vielleicht um einen Fehler handelt.
Betrachtet man den Stromverbrauch einmal über die Zeit, so stellt man fest, dass sich in diesem Diagramm recht gut erkennen lässt, wann in einem Haushalt Strom entnommen wird und wie sich der Tag in dem betreffenden Haushalt gestaltet. Betreibt man jetzt eine Growanlage, so wird das natürlich ab einer bestimmten Leistung in diesem Verbrauchsdiagramm sichtbar. Vor allem, weil aufgrund bestimmter Beleuchtungszyklen sich hier ein recht spezielles Bild zeigt.
Das dürfte einer der Punkte sein, die zu dem ‘Fingerabdruck’ einer Cannabisplantage im Stromnetz führt. Stellt man also fest, dass illegaler Strom in einem bestimmten Rhythmus entnommen wird, so hat man einen Anhaltspunkt.
Nun kann man natürlich noch weitere Punkte dazu heranziehen. Gehen wir davon aus, dass der Energieversorger einen Stromdiebstahl entdeckt hat. Als nächsten Schritt kann man jetzt mit etwas weitergehenden Messungen feststellen, welche Art von Verbraucher am Netz angeschlossen sind.
Hierbei kann man die Oberwellen auf dem Stromnetz und die Phasenverschiebung auswerten. Phasenverschiebung entsteht, wenn man ein Gerät an das Stromnetz anschließt welches eine Spule und/oder einen Kondensator enthält. Das ist nun bei vielen Geräten der Fall, außer z.B. bei (echten) Glühlampen oder Heizstäben, aber daran wie groß dieser Wert ist, kann man schon erkennen ob es sich eher um einen Motor oder eine Growlampe handelt.
Oberwellen entstehen, wenn man ein modernes Schaltnetzteil an das Stromnetz anschließt. Die hierin enthaltene Schaltung schwingt mit einer weit höheren Frequenz als die im Stromnetz vorhandenen 50Hz und ist somit leicht detektierbar.
Wenn den Messtechnikern das immer noch nicht reicht, dann könnten sie das Netz noch weiter analysieren. Dann würden sie wahrscheinlich nach einem Einschaltimpuls suchen, wie er bei einer Gasentladung entsteht. Auch dies ist messbar, wenn man danach sucht.
Kurz gesagt lässt sich sagen: ‘Ja, das ist durchaus möglich’. Wenn auch mit etwas Aufwand verbunden, aber innerhalb eines Smart Grid sollte das kein Problem darstellen.
Und was passiert nun, wird sich in den nächsten Jahren die Anzahl der illegalen Hanfplantagen reduzieren? Nun, davon ist eher nicht auszugehen. Gewiß wird Stedin damit einige Male Erfolg haben. Aber natürlich wird man sich Gedanken machen, wie man einer solchen Detektion entgeht. Das Hauptrisiko wird hier im illegalen Anzapfen des Stromnetz liegen. Denn das liefert dem Energieversorgungsunternehmen erst den Grund für weitere Nachforschungen. Könnte also sein, dass die Nachfrage nach Solarmodulen und privaten Windrädern in den Niederlanden demnächst ansteigt.

Steve Thunderhead

Steve Thunderhead

Ich lebe seit mehr als vierzig Jahren an der niederländischen Grenze. Die Entwicklung der niederländischen Cannabispolitik verfolge ich seit den achtziger Jahren, als ich zum ersten Mal einen Coffeeshop besucht habe. Die langsame Veränderung von einer pragmatischen und toleranten Politik zu immer repressiveren Regelungen kenne ich deswegen aus eigener Erfahrung. Ich freue mich als Autor auf Kein Wietpas! mitarbeiten zu dürfen, weil ich nach all den Jahren meinen Anteil zu einem erneuten Wandel dieser Politik beitragen will.
Steve Thunderhead