Im Süden nichts Neues

Wenig hört man zur Zeit aus der südlichen Ecke Limburgs. Zu mindestens nicht viel aus dem Bereich, der hier interessieren würde. Was soll man aber berichten aus einer Gegend, in der sich mittlerweile in den Jahren seit der Einführung des I-Kriteriums ein gewisser Status Quo etabliert hat, den eigentlich niemand so richtig antasten möchte.
Maastricht wird mittlerweile nicht mehr von Drogendealern überrannt, klar gibt es die noch, aber es ist kein Vergleich mehr zu der Zeit, als die Coffeeshops aus Protest gegen I- und B- Kriterium die Türen geschlossen hatten. Im wesentlichen sind sie nur noch da, um die Touristen abzugreifen, die sich nun wirklich nicht auskennen, aber irgendwie wissen, dass man in den Niederlanden Cannabis bekommt.
Längst fahren nicht mehr Unmengen von Belgiern nur zum Cannabiskauf nach Maastricht. Diejenigen, die überhaupt noch in den Niederlanden einkaufen, fahren etwas weiter und gehen direkt woanders hin. Die belgische Polizei frohlockt auf jeden Fall, dass die Zahl der Cannabis schmuggelnden Autofahrer an der Grenze drastisch zurückgegangen ist, wofür sie der Gemeinde Maastricht dann auch dankte.
Auch aus Deutschland ist die Zahl der Drogentouristen stark zurückgegangen. Hier sind die Shops in Heerlen und Kerkrade zwar für Ausländer zugänglich, aber die meisten Leute decken sich mittlerweile auf der deutschen Seite in Aachen und Umgebung ein. Der typische Coffeeshopkunde ist zur Zeit entweder gerade erwachsen und hat keine Quellen in Deutschland oder er ist älter und will keine Quellen in Deutschland. Ersteres ändert sich meistens mit der Zeit, und das zweite ist anhand der aktuellen Gesetzeslage verständlich.
Das Gleiche gilt für die belgischen Konsumenten. Auch hier verlagert sich der Handel zunehmend in die Illegalität des eigenen Landes. Mittlerweile häufen sich die Meldungen von größeren Anbauunternehmungen im Grenzgebiet, an denen auch Niederländer beteiligt sind. Was annehmen lässt, dass deren Ware auch im Nachbarland angebaut wird. Dabei dürfte es sich nicht um Ware für die Coffeeshops handeln, sondern um Cannabis, welches illegal in Wohnungen und Geschäften verkauft wird. Da kann es dann schon mal passieren, dass ein Modegeschäft für drei Monate geschlossen wird, weil man unter der Ladentheke sein Wiet zum Pulli bekommt.
Da die niederländische Polizei pro Tag statistisch 16 Wietplantagen hochnimmt, ist es mehr als verständlich, dass man sich ins nahe Ausland orientiert. Gerade die Grenzregion zu Belgien und Deutschland ist aufgrund ihrer ländlichen Struktur dafür besonders gut geeignet. Ein Haus irgendwo in der belgischen Eifel oder im Selfkant ist immer zu bekommen. Vergleichsweise günstig und weitab von allem anderen. Da braucht man nicht in ein Wohngebiet in den Niederlanden.
Und so haben sich mittlerweile alle mit dem herrschenden Zustand abgefunden. Natürlich, als Sittard/Geleen im Juni Ausländer abwehrten, gab es noch mal die Befürchtung, dass dort das gleiche Chaos wie in Maastricht stattfindet, aber auch das ist so nicht eingetreten. Die Leute sind mittlerweile informiert und haben entweder eh eine illegale Adresse in den Niederlanden, bei der man sich auch nicht um die 5Gr. Pro Tag und Person Regel halten muss. Außerdem ist das Wiet dort meist billiger als im Coffeeshop, denn Steuern für den Staatshaushalt fallen hier ja nicht an. Und wenn man schon so weit fährt, dann soll es sich ja auch lohnen.
Falls man mit dem Begriff Coffeeshop noch etwas romantisches verbindet, so wie früher in den 80er oder 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, dann wird man in Limburg nicht mehr fündig. Einen Shop, in dem man gemütlich noch einen Kaffee zu seinem Jointje trinken konnte wird man hier im Süden kaum noch finden. Der übliche Besuch eines Coffeeshops dauert weniger als 5 Minuten, sofern man nicht kurz nach der Öffnungszeit kommt. Also der Charme einer Abgabestelle.
Was hat es also gebracht, im Süden Limburgs das I-Kriterium einzuführen? Nun grundsätzlich haben die niederländischen Gemeinden ihr Ziel erreicht, für weniger Overlast zu sorgen. Die Drogenhändler haben sich mit der Situation ebenfalls abgefunden, ihren Kundenkreis aufgebaut und den Vertrieb organisiert. Und da alles nicht mehr in der Öffentlichkeit abläuft, sind die Bürger beruhigt, denn was man nicht weiß…
Es ist nicht davon auszugehen, dass sich das in nächster Zeit ändern wird. Irgendwie hat sich jeder mit der Situation arrangiert, die Proteste gegen Diskriminierung sind verstummt und eigentlich hat jeder etwas anderes im Kopf.
Die Änderung bemerkt man als Drogentourist aus dem Grenzgebiet eher in seinem Heimatland. Zum einen steigt die Anzahl der ‘Cannabis Social Networks’, also der Leute, die als Gruppe einen Grower haben, der die anderen versorgt, und man wird auf Parties ständig angequatscht, von Leuten die außer Coffeshops keine Quellen kennen. Wenn der Satz ‘Ich dachte man darf nicht mehr in die Coffeeshops in Holland….’ fällt, weiß man, dass mal wieder ein Aufklärungsgespräch fällig ist.

Steve Thunderhead

Steve Thunderhead

Ich lebe seit mehr als vierzig Jahren an der niederländischen Grenze. Die Entwicklung der niederländischen Cannabispolitik verfolge ich seit den achtziger Jahren, als ich zum ersten Mal einen Coffeeshop besucht habe. Die langsame Veränderung von einer pragmatischen und toleranten Politik zu immer repressiveren Regelungen kenne ich deswegen aus eigener Erfahrung. Ich freue mich als Autor auf Kein Wietpas! mitarbeiten zu dürfen, weil ich nach all den Jahren meinen Anteil zu einem erneuten Wandel dieser Politik beitragen will.
Steve Thunderhead